Das Jahr 08
Die reine Oberfläche: Geld regiert die (Kunst)Welt.
02.12.2008, 14:53, Text:
Alexander Jürgs, Foto: Paul Clark
Man muss kein konservativer Kulturpessimist sein, um sich darüber zu wundern: In Frankfurt wird dem japanischen Künstler Takashi Murakami im Herbst ein komplettes, sehr renommiertes Museum leergeräumt, um es mit seinen kitschigen Louis-Vuitton-Handtaschen, metergroßen Comicfiguren, infantilen Videos und - in gewisser Weise das Herzstück der Ausstellung - einem knallgrünen Shop zu füllen, in dem Kinderspielzeug, Schmuck und kuschelige Blumenkissen verkauft werden.
Natürlich ist das alles noch Kunst, verkündet der Direktor auf der Pressekonferenz und erklärt an einem Beispiel, welche Abgründe in Murakamis Werk zu entdecken seien: In einem Video reisen zwei Mangafiguren zu einem fremden Planeten - und landen doch tatsächlich in einem riesigen Haufen niedlich gezeichneter Scheiße. "Die Welt stinkt", erklärt der Direktor.
Banaler, kommerzieller, marktförmiger: Die Entwicklung, die ein Großteil der Bildenden Kunst eingeschlagen hat, ist erschreckend. Vorneweg tanzt neben Takashi Murakami mal wieder der Brite Damien Hirst, dem schon 2007 mit dem Verkauf eines mit Diamanten besetzten Totenschädels für 75 Millionen Euro gelang, die große Aufmerksamkeit im Kunstmarkt-Hype geschickt auf sich zu lenken. Kurz darauf wurde bekannt, dass Hirst selbst Mitglied der Käufergruppe war. Mit einem geschätzten Besitz von einer Milliarde Dollar im Hintergrund lässt sich der eigene Marktwert bequem aus der Portokasse steigern. Im September diesen Jahres veräußerte Hirst seine neusten Werke dann ohne Zuhilfenahme eines Galeristen oder Kunsthändlers (ein Novum in der Geschichte des Kunstmarkts) bei Sotheby's und nahm 145 Millionen Euro ein. Die Presse schwärmte vom gelungenen "Kunst-Coup". Über den künstlerischen Wert der Werke verlor kaum einer ein Wort.
Auch das pompöse Comeback von Jeff Koons - der Meister der Oberfläche und des Markenfetisches - passt zu dieser Entwicklung. Mehrere Häuser waren bemüht, dem Künstler eine Retrospektive auszurichten. Am Ende siegte die spektakuläre Kulisse: Im Schloss Versailles feierte der Ex-Gatte von Ilona Staller seine Auferstehung. Anders als in der Appropriation-Art oder in der Pop-Art kennt die Kommerzkunst von heute keine Kritik, kein Infragestellen, keine Ironie mehr. Geliefert wird, was der Markt wünscht - und das war auch 2008 immer noch eine Menge. Daniel Richter malt weiter den Bestellungen hinterher. Das simple Etikett "Leipziger Schule" genügt noch immer für beste Verkäufe. Und deutsche Sammler plündern jetzt den chinesischen Markt. Ob die Finanzkrise auch den Kunstmarkt erwischt? Erste Anzeichen gibt es: Auf der Londoner Messe "Frieze" spürten die Galeristen seit Jahren zum ersten Mal wieder Kaufzurückhaltung, Gerhard Richters Gemälde "Jerusalem" (geschätzter Wert: neun Millionen Euro) fand bei Sotheby's plötzlich keinen Abnehmer mehr. Vielleicht können wir bald wieder über Inhalte streiten statt über Preise.
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