Michael Wadleigh / Woodstock
Im Kino: Die Kultur wurde mitgerissen
28.10.2008, 13:20, Text:
Tobias Ruderer
1969 war Michael Wadleigh in Woodstock mit der Kamera dabei. Seine Dokumentation lief in diesem Jahr auf dem "deutschen Sundance" in Oldenburg. Dort traf Tobias Ruderer das Phantom, das für die iPod-kompatible Ikonisierung der Hippies gesorgt hat.
Der erste Song des Films ist "Long Time Gone" von Crosby, Stills & Nash. Bluesige Strophenparts und ätherischer Chorgesang im Refrain. Auf der Leinwand rollt ein Scheunendrescher über die sanften Hügel von Upstate New York. Es stellt sich, auch in Anbetracht der Dinge, die da noch kommen werden, eine traurige Ergriffenheit ein. So sehr der Regisseur in der Pause auch nostalgisch schwärmt von der Energie bei Richie Havens' Eröffnungsauftritt, dem Schmerz in Janis Joplins Stimme und der Direktheit von Ten Years After; so sehr er Authentizität und Natürlichkeit vor allem auch unter den 500.000 Besuchern hervorhebt - er hat das nicht erfunden, sondern nur gefilmt. Die Bilder sind immer noch transparent, durchlässig und lebendig, der Maßlosigkeit ganz und gar angemessen.
Den Verantwortlichen vom Filmfest Oldenburg ist es nach Jahren der Hartnäckigkeit gelungen, Michael Wadleigh einzuladen, der im Alter von 27 mit ein paar Freunden und (zunächst) auf eigene Kosten den Film zu "Woodstock" gedreht hat. Lange wusste man (also Wikipedia) nicht, ob er tot oder bei einem Indianerstamm untergetaucht ist. Und so sitzt er nun bei der Vorführung in der ersten Reihe, einem Indianer gar nicht so unähnlich: die Kleidung eines Althippies, eine Lederweste um den hageren Körper, ein Stirnband hält sein langes graues Haar.
Aber Wadleigh ist kein Eremit, eher ein idealistischer Macher: Der ehemalige Harvard-Dozent wird am nächsten Tag noch ein universitäres Projekt mit dem Namen "homo sapiens report" vorstellen, eine Science-Fiction-Annäherung an die Lage der Menschheit. Er ist ein Feind des amerikanischen Zwei-Parteien-Systems und Unterstützer seines Freundes Ralph Nader, der auch 2008 wieder als unabhängiger Kandidat bei der US-Präsidentschaftswahl antritt.
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