Gang Gang Dance
Heiliger Bim Boom
27.10.2008, 10:22, Text:
arno raffeiner
Das Wort Popist könnte man immer öfter wie Pope buchstabieren. Yo Majesty preisen zu Booty-Beats den Lord, Thomas Meinecke beweihräuchert in seinem jüngsten Roman "Jungfrau" den Theologen Hans Urs von Balthasar. Auch bei Gang Gang Dance gibt es heilige Albumtitel und Texte über Leib-Christi-Inkorporationen. Doch statt auf Religion steht die großartige Funk-Noise-Band aus New York eher auf Spiritualität und Magie, wie Lizzi Bougatsos und Josh Diamond Arno Raffeiner verraten.
Wer ist denn die heilige Dymphna aus eurem Albumtitel?
L: Sie war eine Heilige aus Irland. Ihre Mutter ist gestorben, als sie noch sehr jung war, worauf ihr Vater begonnen hat, ihr Avancen zu machen, weil ihm jemand sagte, er solle seine Tochter zur Frau nehmen. Sie ist dann abgehauen, er hat sie verfolgt und schließlich geköpft. Dymphna ist die Patronin der psychisch Kranken, von Wahnsinn und Chaos. Das passt auf verschiedene Weisen zu unserer Musik.
J: Und speziell zu dieser Platte. Der schwierige Entstehungsprozess hat uns fast verrückt gemacht. Zugleich hat es auch etwas Tröstliches. Die Platte ist eine Hommage an Menschen, die wegen der Sünden anderer leiden, und auch an die heutige Welt, die absolut irrsinnig ist. Unsere Musik hingegen ist ein Zufluchtsort.
Auf einem Song geht es um die Erstkommunion. Ist jemand von euch katholisch?
L: Ich bin griechisch-orthodox. In "First Communion" geht es um diese Idee von Religion, die dir einzureden versucht, alles heilen zu können. Als ich meine erste Kommunion bekommen, also den Körper von Christus gegessen habe, dachte ich, dass dadurch alles gut wird. Mir wurde eben beigebracht, so zu denken. Das klage ich in "First Communion" an. Der Song handelt davon, wie Religionen Menschen voneinander trennen, anstatt sie zusammenzubringen. Ich bin heute irgendwie immer noch griechisch-orthodox, aber ich praktiziere nicht. Am nächsten komme ich irgendeiner Art von Religion oder Spiritualität auf der Bühne. Musik ist meine Religion.
Diese Religion hat bei euch unterschiedliche Einflüsse. Woher nehmt ihr die vielen verschiedenen Versatzstücke in eurer Musik?
J: Wir arbeiten immer intuitiv, nie mit einer bestimmten Absicht. In unserer eigenen Sprache gibt es diese Phrase, wenn etwas "Gang Gang" ist. Wir wissen einfach, ob es passt oder nicht.
Und wann ist es "Gang Gang"?
J: Es gibt da eine magische Schicht, die wir fühlen können, wenn ein Stück gut ist. Es ist schwer zu beschreiben, was diese Schicht wirklich ist. Eine bestimmte Farbe, eine Frequenz, eine Melodie, irgendetwas ist da drinnen, das man spüren kann. Die magische Schicht macht die Musik mysteriös, aber sie sorgt auch dafür, dass sie sich richtig anfühlt.
Gang Gang Dance "Saint Dymphna" (Warp)
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Real New Wave Party
---HIGHHOLYDISCOMASS comes to town---
Dass Punk und Disco weit mehr verbindet, als nur der Zeitpunkt ihres Entstehens, steht außer Frage. Wem Punk mehr bedeutet als tote Hose und für wen Disco alles andere als ein Schimpfwort ist, der weiß um die Schnittmenge dieser beiden Musikstile, die gleichzeitig beide auch Lebensgefühl waren und sind. Wunderbar beschrieben hat das gerade der englische „NME“ in einer Rezension zu Gossips neuem Album „Music for Men“. “Teenage Jesus and the Jerks crashing Studio 54“, so der Rezensent, vor dessen geistigem Auge beim Genuss von „Music for Men“ die genialen New Yorker No Wave-Dilettanten die wohl bekannteste Disco der Welt aufmischen.
Und auch Gossips dralle Gallionsfigur Beth Ditto selbst, eine Punk-Ikone des 21. Jahrhunderts, bringt es auf den Punkt sprich auf die Tanzfläche, wenn sie „For Keeps“ so erklärt: „I wanted it to be the ‚Don’t You Want Me’ of this record“. „Don’t You Want Me“ war bekanntlich der größte Dancefloor-Filler der Electro-Pioniere Human League.
Auch Arte erinnert sich gerade an die Zeit, als „Don’t You Want Me’ aus jeden Punkschuppen schallte und zu Nummer 25 der meistverkauften Singles aller Zeiten im UK wurde. So propagiert der TV-Sender den „Summer of the 80s“ und unternimmt eine Zeitreise in das Jahrzehnt, das uns Joy Division und New Order bescherte, Style Council und Prince, Duran Duran und Chic.
Grund genug für „HighHolyDiscoMass“. „HighHolyDiscoMass“ (übrigens ein Songtitel der ebenso wie Human League aus Sheffield stammenden Industrial-Avantgardisten Clock DVA) bittet nun mit Bands wie Cabaret Voltaire, Heaven 17, Shriekback, 400 Blows oder Gang of Four (just to name a few) einerseits die Creme de la Creme der 80er Jahre und der damaligen Post-Punk-Ära zum Tanz und schlägt andererseits mit neuen Helden wie Junior Boys, MGMT, Hercules and Love Affair oder White Lies (again just to name a few) die Brücke auf den Tanzboden des dritten Jahrtausends. Da bleibt dann mit David Bowie nur noch eins zu sagen: „Let’s dance!“





