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Polarkreis 18

Mutig sein und übertreiben

20.10.2008, 16:33, Text: Dana Bönisch, Foto: Kathrin Spirk

"Is Weilheim the new Seattle?" fragte die Wire 1998. Da hatte es die Saga vom Uphon-Studio als Zentralorgan eines schlauen, deutschen Electropop bis nach England geschafft. Nun wird dichtgemacht, weil die Zeiten sich ändern. Doch zuvor entsteht hier ein letztes Album, das die Metapher der finalen Pauken und Trompeten verdient hat: Die Dresdner Band Polarkreis 18 macht mit "The Colour Of Snow" Randale im Orchestergraben. Und Dana Bönisch räumt mit auf.

Zuerst müssen wir an den Hunden vorbei: zwei riesigen, die die Schnauzen durch den Zaun stecken und kläffen, und dem winzigen Boss, der von irgendwo unten dazwischengeifert. Der Bauer taucht auf, pfeift durch die Zähne und fragt: "Zuam Mario wollt's ihr?" Die Nachbarn haben sich daran gewöhnt, dass häufig junge Stadtmenschen mit eckigen Umhängetaschen leicht angespannt vor Zäunen und Hunden stehen und versuchen, die entsprechende Auskunft zu verstehen. Weilheim-Wilzhofen ist ein Glücksfall für jeden Doku-Kurzfilm, jede Reportage: so viele schöne Antithesen hier. Höchst misstrauische Opas mit Mistgabeln im Dialog mit verstrubbelten Five-Pieces, Schafe, Poplegenden-Bildung.


Und dies alles jetzt auch noch im Abschieds-Weichzeichner. Das "Uphon"-Schild lehnt bereits abmontiert auf dem Boden neben der Tür. Wäre ein aussagekräftiges Bild, aber Mario Thaler winkt ab: "Das steht schon seit Jahren da unten." Sowieso hält er nichts davon, Orte pophistorisch zu romantisieren: Über jenes "Weilheim", das sich gleichsam von der oberbayerischen Landkarte gelöst hat, um in den Neunzigern als Synonym für erstaunlichen deutschen Pop durch Feuilletons und Musikpresse zu geistern, redet er nicht so gern. "Pfff. 'Weilheim-Sound', so ein Quatsch." Schließlich haben gerade hier die verschiedensten Bands aufgenommen. Einige Protagonisten des Musikkollektivs um The Notwist leben noch immer in der Nähe, die Verwurzelung ist da, doch: Von einer "Schule" lässt sich bestimmt nicht sprechen, eher vom Gegenteil: einem Ort der Heterogenität. Ein wenig Sentimentalität und Andacht beim Betreten des Studios kann Thaler uns allerdings nicht so richtig ausreden: Schließlich sind hier einige Herzensplatten entstanden.

Ein Studio ist ein sonderbarer Ort. Das könnte daran liegen, dass Musik als die Kunst gilt, die am direktesten und unerklärlichsten auf jenen Teil des Großhirns wirkt, der gemeinhin als Herz bezeichnet wird. Da sitzt jemand in der Dunkelheit zwischen Tausenden Reglern und Kabeln hinter dem eigentlichen Kern dieser Emotionsschaltzentrale, dem Computer, auf einem Drehstuhl - und produziert, im wahrsten Sinne des Wortes, was nachher wieder ganz ungreifbar wirkt.

"Das ist schon eine Gefühlsmaschine", stellt Polarkreis-Sänger Felix Räuber fest. Gerade spielt ihm Captain Thaler die verschiedenen Takes einer Stelle vor, an der er mit seiner seraphischen Stimme das Wort "celebrate" singt. Fünfzehnmal Euphorie in Nuancen, deren unterschiedlichen Klang nur die beiden hören. Und es kommt einem fast so vor, als sei jener Moment eine komprimierte Vorankündigung dieser neuen Platte, die irgendwie auch eine letzte ist. Später sagt Felix noch, dass Musik für ihn ein Handwerk sei, ein herausforderndes zwar, vielleicht wie Architektur. "Obwohl: Es gibt auch eigentlich keinen großen Unterschied zwischen meiner Arbeit und, sagen wir, der eines Bäckers." Nur eben in etwa so groß wie der zwischen Graubrot und Instant-Herzrasen.


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aus Intro #166 (November 2008)
 
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