Keane
Im Interview: "Wir waren nicht vorbereitet"
16.10.2008, 11:10, Text:
ines Sundermann
Mit "Perfect Symmetry" lenken die Briten Keane ihr zuletzt schlingerndes Schiff wieder in ruhigere Fahrwasser. Ines Sundermann sprach mit Tom Chaplin und Tim Rice-Oxley in Berlin.
Ein großer Teil des Albums wurde hier in Berlin aufgenommen. Die Stadt scheint ja gerade in letzter Zeit vor allem für ausländische Künstler the place to be zu sein.
Tom: Es ist großartig hier, gerade für Künstler. Im Gegensatz zu London fühlt man sich hier auch sehr willkommen. London ist heutzutage sehr ausladend und deprimierend. In Berlin gibt es diese gewisse Modernität und artiness, von der man sich einfach angezogen fühlt.
Tim: Die Stadt hat auch einfach eine faszinierende Geschichte. Chaos, gefolgt von Heilung, gefolgt von Krieg und Zerstörung, gefolgt von Heilung. Man fühlt das in jeder Straße der Stadt, was künstlerisch sehr inspirierend wirkt.
Welchen Einfluss hatte die Stadt denn auf euer Schaffen?
Tom: Die Stadt hat eine moderne und frische Atmosphäre, wächst und entwickelt sich immer weiter. Und genau das scheint sich auch auf uns als Band und unsere Musik übertragen zu haben, sei es bewusst oder unbewusst passiert. Wir wurden beispielsweise nicht von der festgefahrenen Auffassung blockiert, dass wir keine Idee ohne Piano ausprobieren dürften, weil wir ja schließlich Keane sind.
Dass ihr durchaus anders könnt, als nur Balladen am Klavier zu schreiben, habt ihr ja schon auf dem letzten Album, "Under The Iron Sea", angedeutet. "Perfect Symmetry" entfernt sich nun noch weiter von eurem Erstling. Stellenweise fühlt man sich an 80ties-Pop erinnert und das Klavier sucht man manchmal vergeblich. Wie lief das, habt ihr euch vor den Aufnahmen zusammengesetzt und gesagt: "Jetzt schlagen wir mal ganz neue Töne an?"
Tom: Nicht wirklich. Klar, wie du schon sagst, "Under The Iron Sea" war anders als Hopes and Fears und dieses Album ist nun wirklich noch mal ganz anders. Aber so sind wir eben. Es ist ja so, dass die Leute uns erst mit "Hopes And Fears" wahrnahmen. Und deswegen hatten sie den Eindruck, dass wir ein ganz spezielles Ding machten: Romantische, melodische, mid-tempo Songs am Klavier. Tatsächlich hatte es die Band aber schon 8 Jahre zuvor gegeben und wir hatten damals auch schon andere Sound-Phasen durchlebt. "Hopes And Fears" spiegelt nur das wieder, was wir 2004 waren. Schade, dass die Leute dieses Bild einer Piano-Balladen-Band haben. In Wirklichkeit haben wir immer schon das gemacht, worauf wir spontan und instinktiv Lust hatten. Von daher gab es auch bei dieser Platte keine kalkulierte oder bewusste Entscheidung, wo genau es hingehen sollte.
Tim: Ursprünglich hatten wir vor, für dieses Album eine Mischung aus HipHop und Popmusik zu machen. Das hätte gut klingen können, aber auch richtig grausam. In der Praxis ist es sehr schwer, seinen Sound zu ändern. Man hört doch so oft so viele Bands sagen: "Hey, wir haben das Regelwerk total außer Kraft gesetzt für dieses Album." Und dann kommt es raus und klingt haargenau so wie das letzte. Nur nicht ganz so gut. Ich glaube, wir sind mit unserem zweiten Album in gewisser Weise in diese Falle getappt.
Video: Keane - "Spiralling"
Ihr habt euch also nie davon irritieren lassen, dass Journalisten und andere Künstler euch als weinerliche Piano-Balladen-Weicheier titulierten?
Tom: Bei diesem Album nicht mehr. Mit "Under The Iron Sea" hatten wir, glaube ich, schon irgendwie darauf reagiert, was uns nachgesagt wurde. Bei diesem Album ist es das genaue Gegenteil, weil uns die Presse, ob gute oder schlechte, einfach nicht mehr interessiert. Wir haben viele, viele aufrichtige Fans, die uns über alles lieben, und die wir zu Gesicht bekommen, wenn wir live spielen. Daraus schöpfen wir heutzutage unsere Energie.
Ich habe einen Ausschnitt aus eurer Live-Performance von "Spiralling" bei den GQ Awards gesehen. Tom hatte tatsächlich eine Klampfe umgeschnallt. Neuerdings sind also echte Gitarren am Start? Nicht mehr nur verzerrte Klaviersounds, die sich nur nach Gitarre anhören?
Tom: Gutes Beispiel. Das war ne Sache, wo wir nicht gedacht haben, wir müssen jetzt unbedingt eine Gitarrenband werden. Bei dem Song hatten wir einfach das spontane Gefühl: an dieser Stelle muss ne Gitarre her.
Tim: Man hält uns für organisierter, als wir wirklich sind. Das ganze Piano-Ding war ja einfach nur Pech. Ursprünglich waren wir eine Gitarrenband und dann hat uns unser Gitarist verlassen. Wir haben immer schon Gitarren geliebt, 99,9 % der Bands, die wir mögen, sind Gitarrenbands.
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