Matthew Herbert
Das Abenteuer der Verführung
14.09.2008, 18:14, Text:
arno raffeiner
Die ungestümen Zeiten wilder Aggression sind vorbei. Vor Jahren praktizierte Matthew Herbert als Radio Boy noch die "Mechanics Of Destruction". Heute setzt der Sample-Virtuose auf die Kunst der Verführung, mit der er seine nach wie vor politischen Inhalte in unsere Gehörgänge schmeichelt. Unter zartem Big-Band-Schmelz verbergen sich auf seinem neuen Album Samples zum Überthema Macht.
Bist du noch der obsessive Sound-Sammler, der immer mit einem Aufnahmegerät durch die Weltgeschichte läuft?
Nein. Ich muss immer zuerst eine Idee haben. Meine Musik wird oft als Found-Sound beschrieben, aber das trifft es nicht. Ich nehme bestimmte Klänge auf, nicht beliebig gefundene. Es ist sehr präzise, aber ich bin da überhaupt nicht obsessiv. Ich glaube, man könnte die ganze Geschichte der Zivilisation nur anhand eines Apfels erzählen. Vielleicht werde ich meine nächste Platte aus einem einzigen Gegenstand machen und damit so viele Geschichten erzählen wie möglich.
Diesmal hingegen hast du Unmengen an politisch aufgeladenen Klängen verwendet. Denkst du manchmal, dass du fast schon zu viele Ideen hast?
Ja, ein bisschen schon. Aber es gibt so viele Probleme auf der Welt. Und ich fühle mich auch wie ein Abenteurer. Das Problem ist, dass man in Aufnahmestudios die Welt gar nicht hören kann, sie wird geradezu ausgesperrt, alles muss total still und steril sein. Teil des Problems ist, dass Musik aufgehört hat, nach draußen zu schauen. Dabei gibt es so viel zu entdecken. Daher fühle ich mich wie ein Abenteurer. Ich begebe mich an Orte, wo ich vorher nie war. Niemand hat zuvor gehört, wie 70 Leute Kondome über den Boden des British Museum ziehen und zugleich Britney-Spears-Parfüm hinter ihr Ohr sprühen.
Was würdest du für ein Liebeslied samplen?
In gewisser Weise habe ich das für diese Platte gemacht: hundert Leute, die jeweils nur ein Wort singen. Ich mag diese Idee, dass hundert Unbekannte ein Liebeslied für jemanden singen, den sie noch nie getroffen haben. Wir könnten wirklich mehr Liebe in der Welt gebrauchen, aber als Thema in der Popmusik wurde sie wohl schon erschöpfend behandelt. Auf meinem Album findet sich die Liebe eher im Prozess, in der Mühe, die dahinter steckt. Und abgesehen davon gibt es auch diese schmalzige Gefühlsebene, die Lionel Richie in den 80ern schon ziemlich gut bedient hat. Wenn du nicht aufpasst, treffen dich diese cheesy Popsongs mitten ins Herz.
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