The Streets - Begemann trifft Skinner: Auf dem Jakobsweg Artikelbild (groß)

The Streets

Begemann trifft Skinner: Auf dem Jakobsweg

15.09.2008, 15:33, Text: Bernd Begemann, Foto: Katja Ruge

"Von Haus aus bin ich Toningenieur. Ich habe andere HipHop-Künstler aufgenommen. Hat mich genervt, was die gemacht haben. Dachte mir: Das kannst du besser." So beginnt die Beichte, die Mike Skinner unserem Autor Bernd Begemann anlässlich des neuen Albums "Everything Is Borrowed" diktierte. Fotos: Katja Ruge.

Die Geschichte von Mike Skinner und seinem Projekt The Streets beginnt in Birmingham in den ausgehenden 90er-Jahren. Skinner ist unruhig. Er liebt Rap-Musik, US-amerikanische Kultur lässt ihn aber kalt. Er dreht ein bisschen durch. Bemerkt denn keiner den Widerspruch, stört sich niemand an der Farce? Die Rapper, die er aufnimmt, stinken nach Fish'n'Chips und beschwören East Compton herauf, das beliebte Los Angeliner Crack-Disneyland, welches ihnen persönlich höchstens durch Hörensagen bekannt sein könnte.


Blöder Karneval. Umständlich. Mike kontert mit dem Einfachsten: Er singt über sein Leben. "Ich hatte keine Angst, dass es nicht ankommen könnte. Ich wusste, dass ich die Wahrheit sage", bilanziert er heute und schaut dabei ... treuherzig? Ich persönlich wüsste nicht, warum er flunkern sollte. Ich fühle mich bei seinen Worten erinnert an eine mindestens ebenso entwaffnende Äußerung Johnny Rottens, der sagte: "Die Wahrheit ist sich selbst eine Belohnung."


Heraus kam damals bei Skinner jedenfalls "Original Pirate Material" - irgendwie ein blöder Titel à la "oh, ich bin ja so verboten", aber ein fantastisches Album. Furztrockene Beats, ein Rapper, der nicht angibt, sich aber auch nicht unterbuttern lassen will, und erst die Worte: assoziativ, über den schmutzigen Seitengassen und dem kleinlichen Pärchengezanke schwebend, denen sie entsprangen. Worte, die eher den frühen Beat-Poeten wie Ferlinghetti oder Ginsberg zu gehören scheinen als Easy-E. Skinner war flugs ein gemachter Mann im Vereinten Königreich. Das vorherrschende Gefühl war, dass erst er den Briten den HipHop zugeeignet hatte. Hier auf dem Festland fiel das Feedback weniger spektakulär aus. Aus zwei Gründen:

1) Die Leute verstehen Englisch recht schwer, und Slang schon mal gar nicht, und da ist es auch egal, ob es US-Gettho-Slang oder Birminghamer Proll-Slang ist.

2) Wir Deutschen verstehen und umarmen die Kultur des armen US-Abschaums (Tätowierungen, Chopper, "Jackass", Jessica Simpson), aber die Feinheiten der englischen Arbeiterklasse bleiben uns fremd.

Sein zweites Album war dann ein, schluck, Konzeptalbum mit durchlaufender Erzählung: "A Grand Don't Come For Free". Und die Story geht so: Einem Typen kommen irgendwie tausend Pfund abhanden, hinzu kommen Schwierigkeiten mit dem Dealer und der Freundin. Der Typ lernt dabei aber was über sich und sein Leben. Wow. Ein paar Hitsingles sind auch drauf. Spätestens zu dem Zeitpunkt war klar, dass Mike Skinner sich nicht wiederholen möchte und etwas riskiert. Aber niemand konnte mit dem Brocken rechnen, den er uns danach vor die Füße warf: "The Hardest Way To Make An Easy Living". Von der Anlage her ist das Album ein schonungsloser französischer Gegenwartsroman, der einen bisher unbekannten Einblick in die sich auflösende Psyche eines Mannes erlaubt, der es "geschafft" hat: Entfremdung, Drogenparanoia, Steuerprobleme. Ich habe es geliebt, Riesenspaß. Das zahlende Pop-Publikum wandte sich jedoch lieber der neuen Scooter-Single zu. Na ja, so ist das halt.


1 | 2 | ... weiterlesen »



Artikel kommentieren
aus Intro #165 (Oktober 2008)
 
  • Mehr Infos

  •  
The Streets
Alle Artikel von Bernd Begemann
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]