Tomte
Bildergalerie: Ich nenn es Leben
15.09.2008, 15:09, Text:
Lutz Happel, Foto: Joachim Zimmermann
Korn und Sprite, Jugendzentren und Charts, Trauer und Liebe, Wut und Ehrfurcht. Tomte haben einen langen Weg zurückgelegt und sind die meiste Zeit gerannt. Nun ist Thees Uhlmann mit neuer Besetzung auf dem fünften Album angekommen. Lutz Happel über den Stand der Dinge im Hauptquartier des Pathos'. Fotos: Joachim Zimmermann.
"Heureka!" soll Archimedes laut Überlieferung nach der Lösung einer schwierigen Aufgabe laut ausgerufen haben, als er nackt durch die Straßen von Syrakus stürmte. So bizarr diese antike Anekdote wirkt, so treffend ist dieser Ausruf gleichzeitig Titel und Sinnbild der fünften Tomte-Platte.
Doch erst einmal zurückgeschaltet. Zeit für eine Rückblende in die Untiefen der 90er: Dem niedersächsischen Hemmoor entstiegen, lieferten Tomte mit ihrem Zweitling "Eine sonnige Nacht" 1998 ein perfektes emotional-bierseliges Identifikationsmodell für all jene ab, die im Begriff waren, aus ihrem Jugendzimmer auf dem Land auszuziehen, um irgendetwas mit ihrem Leben anzufangen.
Fotostrecke:Tomte: Das Intro-Shooting
Der Gestus war verschwörerisch-kumpelhaft, die Botschaft eine Verbrüderung gegen die Außenwelt, wütend und herzlich zugleich, die Produktion rough und die Perspektive nach innen gerichtet. Dann erschien nach der Jahrtausendwende und der eigenen Labelgründung (Grand Hotel Van Cleef) die dritte und vielleicht wichtigste Tomte-Platte, in fast schon peinlich guter Produktionsqualität, richtete mit einer großen Umarmung den Blick auf die Welt und erzählte so schutzlos und direkt von den Menschen da draußen hinter all diesen Fenstern, dass sich alle, die sich in ihrer separierten Subkultur ein schönes Nest gebaut hatten, die Augen rieben.
Waren Tomte vor "Hinter All Diesen Fenstern" noch einfache Arbeiter im Weinberg der einstigen Hamburger Schule, hatten sie sich nun ein stattliches Stück eigenes Land erspielt. Auch textlich, denn während Tocotronic zu dieser Zeit den Weg der intellektuellen Verklausulierung nahmen, bis es nicht mehr weiterging, schienen sich Tomte bis zu ihrer letzten Platte "Buchstaben Über Der Stadt" auf ihrem ganz eigenen Drahtseilakt zwischen direkter Ansprache und abstrakten Bildern ganz wohl zu fühlen; mit einer Rampensau als Sänger, den eine blumige Schreiberin einmal als wandelnde Klagemauer, singender Gebetsteppich und Erntedankfest in einer Person bezeichnete, der in seiner geballten Aufrichtigkeit schon fast bedrohlich wirke. Und auch der finanzielle Erfolg von Band und Label stellte sich damit ein, sodass man sich nach vier Alben ein wenig entspannter der Kunst widmen konnte, anstatt krampfhaft der nächsten Miete hinterherzutouren.
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