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1000 Robota

Kinder schlägt man nicht

18.08.2008, 13:59, Text: Wolfgang Frömberg, Foto: James Looker
[43 Kommentare]

Vor ein paar Monaten schwärmte Wolfgang Frömberg von der Debüt-EP der Hamburger 1000 Robota. Beim Versuch eines Gesprächs in London hat er einen potenziellen Sohn verloren. Hat man bei Tapete vergessen, den Buben die Windeln zu wechseln?

Ein Ort, wo ein halber Liter Paulaner fast fünf Pfund kostet, muss ein Plätzchen sein, an dem klassische Arbeit verachtet wird. Willkommen im Hoxton Bar & Kitchen! Diese Bank für Sozialkapital liegt direkt am Hoxton Square. Ihre nähere Umgebung ist bevölkert von adretten Leuten. Genau jenes Publikum, das so schönen und wertvollen Begriffen wie Widerstand und Selbstverwirklichung, letztlich der Kunst überhaupt, a bad name gegeben hat - um endlich mal Bon Jovi zu zitieren.


Die jungen Hipster posieren in der Kulisse, als wären sie Models an der langen Leine - ja, als würde hier ständig eine Kamera laufen. Was dank der permanenten Überwachung in London sogar sein kann. Zwischen den Selbstdarstellern lässt es sich aushalten, wenn man was zu lesen hat - am besten ein Foster's aus dem Off Licence -, wozu man einen gepflegten Balzac trinkt. Ich schlage die Zeit mit den "Verlorenen Illusionen" tot, kürzlich empfohlen von Kerstin Grether, während ich auf 1000 Robota warte. Die Ankunft der jungen Hamburger, von der Sun bereits lobend als "Gang Of Four im Panzer" bezeichnet, verspätet sich. Ein kurzer Anruf auf dem Handy von Sänger Anton Spielmann bringt die Information: Anscheinend ist das Navigationssystem kaputt. Ein zweiter Anruf klärt: Auch das Gedächtnis hakt. Wie sich später herausstellen wird, nicht nur das.

Balzac schrieb im 19. Jahrhundert, was Sache ist. Es geht in dem Roman um die "Verlorenen Illusionen" des ambitionierten Lucien, der dem Adel seines Provinzkaffs zum Gefallen den Namen seiner Mutter trägt, die unter ihrem Stand geheiratet hat. Mit diesem Künstlernamen auf dem Buckel und einer blaublütigen Gönnerin an seiner Seite macht sich das Dichtertalent auf nach Paris. Nach schnellen Enttäuschungen und ohne Mittel gerät er in einen Kreis von Intellektuellen, die in kargen Kammern über ihren Idealen brüten und sich zum Zwecke der Diskussion über Monarchie und Alltag, Melancholie und Gesellschaft regelmäßig treffen. Wahre Freunde, die an ihn und seine Gabe glauben. Lucien stößt sie jedoch vor den Kopf und verschreibt sich einem Fach, das den intellektuellen Bewohnern des Luftschlosses namens Nachhaltigkeit, wo Kunst und Wissenschaft Eskimoküsse tauschen, als korrupt und verachtenswert gilt: Er wird Journalist.

Der Verführer Etienne erklärt ihm seinen Eintritt ins Milieu: "Ich werde Ihnen nicht erzählen, wie viel nutzlose Schritte ich unternahm, und nicht, wie ich sechs Monate lang als überzähliger Volontär arbeitete, mir sagen lassen musste, dass ich die Leser vor den Kopf stieß, während ich sie doch im Gegenteil unterhielt. Übergehen wir diese schlechte Zeit. Ich berichte heute fast umsonst über Boulevardtheater. Ich lebe vom Verkauf der Karten, die Direktoren dieser Theater mir geben, um sich meiner Fürsprache zu sichern [...] Purgierwasser, Paste der Sultanin, Brasilianische Mischung, alles bekannte Firmen, zahlen für einen witzigen Artikel zwanzig oder dreißig Franken. [...] Die Schauspielerinnen zahlen ebenfalls für gute Besprechungen, aber die geschicktesten bezahlen die Kritiker; totgeschwiegen werden ist das, was sie am meisten fürchten."

Auch wenn das zum Teil noch für die Verflechtungen von Kunst und Kritik in den Netzwerken des Neoliberalismus zutrifft, so hat die Geschichte seit Balzacs Ergüssen Wirkung gezeigt. Das bürgerliche Bildungsideal mutierte im 20. Jahrhundert nach und nach zum Feindbild vieler rebellischer Wesen, die über das Populäre zumindest den zweiten Bildungsweg einschlugen. Punk brachte dann noch mal einiges in Bewegung. Der Popjournalismus wurde eine Zeit lang von bärtigen Intellektuellen (im besten Fall bzw. als Reaktion darauf auch von rüpelhaften Proleten und angriffslustigen Frauen) in Beschlag genommen, die mehr Aktion verlangten. Die Künstler machten sich einen Spaß daraus, die teils recht selbstverliebten Schmierfinken zu beleidigen.

Balzac bringt das zentrale Anliegen auf den Punkt: "Für den Künstler heißt das große Problem, die Blicke auf sich lenken." Und gerade in England, wo es Medien und Musiker miteinander treiben wie Karnickel, betrachteten sich die Autoren der schnelllebigen Magazine als ebenso wichtig wie die Stars. Eine brenzlige Konstellation. Heute, wo die Schnelllebigkeit sich selbst überholt hat und immer schon ein Publikum imaginiert wird, anstatt noch eines erobern zu wollen, klingt eine wissenschaftliche Herangehensweise - zumindest eine nachhaltige (!) Methode, welche die Kriterien der Rezipienten nachvollziehbar macht - für manche Träumer wieder attraktiv. Wie die Implex-Verlegerin Barbara Kirchner mal bemerkte: "Wo das eine dominant ist, muss das andere betont werden." Dominant ist Larifari, da hilft kein Wenn und Aber.


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aus Intro #164 (September 2008)
 
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  • User: hatebag
  • hatebag 25.08.2008 | 11:34:58
    You're welcome
    Eigentlich inkonsequent vom gekränkten Autor, die Band in seinem Text überhaupt zu erwähnen.

  • User: Peter Flore
  • Peter Flore 25.08.2008 | 11:48:25
    Köstlich
    Man muss dazu sagen, dass der Autor die Musik der Band doch offensichtlich sehr schätzt. Obwohl: Steht ja auch eingangs so.

  • User: triple b
  • triple b 25.08.2008 | 13:18:55

    Was soll sowas?
    Was soll sone Überschrift? Ist es vielleicht doch eher so das sich jemand in seiner Ehre als Berufsjugendlicher gekränkt sah weill sie vielleicht doch aufner anderen Wellenlänge liegen als er?
    Keine Ahnug was da in London passiert ist, ich hab schon andere besoffene Rumstänkern sehn und auch Anton (for real) .... aber diese bräsige Indiefeullitonbetonkopfschreibe die sich über den NME (heute wieder extra kritisch was?) beschwert der ja in letzter Zeit eher auf Bravon Nveau gesunken sei datt ist absolut albern wenn man gute laune hat ... der NME ist bunt aber sonst haben er und deutsche Teenie Kultur nichts gemein, man möchte fast sagen LEIDER, bei näherer Betrachtung der 25 coolsten BAnds Amerikas fällt einem zum Beispiel auf, dass es da offensichtlich um eklektische Leidenschaft geht (die Liste ist lustig!), man kann über diese Blatt sagen was man will, aber sie kümmern sich um junge Bands um Künstler die sie toll finden (und fallen lassen wenn das zweite Album raus iss, bla bla ... I know, so what??) sone Kultur gibt es hier in Deutschland überhaupt nicht, wann werden wir hier über TELEPATHIE oder HEALTH lesen? Wann wird hier David Sitek als bester Producer und coolste Sau des Jahres gewürdigt? Wann haben wir Beth Ditto nackt auf dem Cover der achso feministisch superduperheftigen INTRO? Wann darf man aufhören soner jungen Band wie 100 Robota die Rotznase vorzuwerfen und die Attitüde? Mir sind sone bands tausendmal lieber als diese Typen mit Haltungsstöhrung und Hardcore Background die jetz der deutschen Befindlichkeit fröhnen.

    Ich meine mal ganz ehrlich, Bitte alle freuen!!! über eine tolle band aus Hamburg die als erste Amsthandlung einfach mal Palais Schaumburg covert und damit zu Topform aufläuft und ... ach ja ... MYSPACE dann dafür sorgt, dass Kids in England das hören und das gut finden währen hierzulande alle wieder zu Kettcarr rennen-

    Wovor es mir richtig graut ist die Zeit in 40 jahren wenn ich vielleicht im Pflegeheim sitze (Schlaganfall) und mir dann mein Bettnachbar zuflüstert wie geil es auf dem ersten Blumenfeld Konzert war, und wie scheisse alles inzwischen ist und ich nur schreien Möchte "Lass doch die Kids in Ruhe eyh, haben die nicht genug probleme...: 'keine sau kommt zu den Konzerten mehr, alles ist schon dagewsen, was ist meine identität was soll aus mir werden ich will ernsthaft sein und trotzdem spass haben ?!'... weisste sowas, und dann sone Autoritäre altherrenscheisse hier" ... aber ich kanns nicht ich kann mcih dann nichtmal wehren, davor hab ich angst, ernsthaft.

    Kinder schlägt man nciht? Was soll das?

    Whatever

  • tarion 25.08.2008 | 13:19:31

    Zum Konzert im Übel & Gefährlich gabs minutenlang peinliche Nölposen und Rockismus-Ähnlichkeiten bis das Publikum sich schied in reichlich Genervte und silberweißschillerschillerbitchshirtige Mitschüler.

    Boah, war das schlecht!

  • User: kafkaktus
  • kafkaktus 25.08.2008 | 13:31:07

    Es heißt "Blumfeld" und "Feuilleton"...

  • Bietigheim 25.08.2008 | 13:35:51

    Wenn ein Autor von einer Band angesickt ist, finde ich es nur konsequent, das auch im Text zu transportieren, egal wie groß der Altersunterschied o.ä. ist. Besonders, wenn es auf eine so smarte Art und Weise geschieht wie hier. Die Einfassung durch Überschrift und letzte Sätze ist doch grandios aggro. Und die Ignorierung von 1000Robota zugunsten von Balzac in weiten Teilen des Textes auch, obwohl die aufgestellten Thesen natürlich nicht 100%ig stichhaltig sind. Und eine Band wie diese kann sich so oder so über die Aufmerksamkeit freuen, die Darstellung scheint ja auch gut zum transportierten Gestus auf ihren Shows zu passen. Für manche ist sowas halt langweilig oder ärgerlich, da sollte man nicht zwangsjugendlich um jeden Preis aus seiner Haut fahren müssen.

  • User: kafkaktus
  • kafkaktus 25.08.2008 | 13:42:11

    Ich finde es auch sehr anrührend, dass in diesem Umfeld mal statt auf die neueste Sau auf den Balzac hingewiesen wird. Sollte viel mehr gelesen werden. Es lohnt sich wirklich, die Schicksale des Cousin Pons oder des Pére Goriot mal wieder hervorzukramen.

  • User: Millo Witsch
  • Millo Witsch 25.08.2008 | 13:49:33
    ONE TRACK MIND
    Meine Fresse war das ein anstrengender Artikel. Aber Hauptsache
    der Autor kennt Balzac.

  • faster23 25.08.2008 | 15:09:03

    finde artikel gut, besonders wenn zwei zentimeter drunter ein seniler ´wir sind helden´ abfeiert. 100 roboter sind freilich auch nichts anderes als radiopilot mit scheinbar credibleren klamotten.

  • User: cryon
  • cryon 25.08.2008 | 15:48:29

    veröffentlicht ihr den quatsch eigentlich nur, damit hier wieder mal was los ist?

  • User: Holger Wendt
  • Holger Wendt 25.08.2008 | 16:39:06

    dumme Frage, nächste Frage

  • User: snorej
  • snorej 25.08.2008 | 18:52:36

    rotznasen!
    kinder schlägt man nicht, right.
    jugendliche schon.
    boing, bum, schack...

  • User: hatebag
  • hatebag 25.08.2008 | 20:59:12
    You're welcome
    Keine Ahnug was da in London passiert ist,

    Man weeßet nich - Ob der "Pete Doherty Junior" jetzt auf Crack war oder womöglich auch nur "einen gepflegten Balzac" zuviel intus hatte, wie die "Kurtisane vom Intro"?

  • User: au ralenti
  • au ralenti 26.08.2008 | 11:29:53
    quoi que tu fasses...
    tatsache ist, dass die band wirklich grauenerregend schlecht ist. musste sie im vorprogramm der crystal castles sehen und ihr auftritt war schlichtweg unerträglich. der typ kann nicht singen und jedes lied klang gleich. im übrigen fand ich ihre selbstinformation bei myspace sehr amüsant, wo sie sich damit priesen, schonmal im tourbus der klaxons geburtstag gefeiert zu haben. das sind wahre stars! diese ganze england-nummer ist albern, auf den bandfotos sehen sie aus wie aus dem topman-katalog geklaut.

  • User: Legoland
  • Legoland 26.08.2008 | 13:12:46
    love is in the air
    ich habe den artikel genossen. danke wolfgang. danke auch der introredaktion, die sowas zulässt. er hätte für mein bedürfnis, texte über solcherart phänomene zu lesen, auch wesentlich länger sein dürfen. spex, eat your heart out!

  • difuse 27.08.2008 | 10:35:51

    find den artikel durchaus gerechtfertig...hätte auch nicht s anderes geschrieben nachdem ich 1000000robota mal backstage erlebt habe...werd aber auf jeden fall das buch lesen...
    bis dahin...und(in dem fall) weiterso

    love....mnl

  • User: haru_specks
  • haru_specks 27.08.2008 | 16:17:44
    shine on
    es ist die heilige pflicht alter säcke, die aktuelle jugend scheisse zu finden. so war es, so ist es, so soll es immer sein.

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