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Kochen mit...

dem März Verlag

04.09.2008, 10:20, Text: Wolfgang Frömberg, Foto: Marietta Kesting

Das perfekteste Dinner Berlins gibt's unter Rolf Dieter Brinkmanns liebstem Hemd. Barbara Kalender und Jörg Schröder pflegen ebendort die Geschichte des März Verlags, bloggen im Internet, fertigen "Schröder erzählt"-Folgen in Handarbeit - und bekochen ihre Freunde. Wie bei der Wahl der Worte wird auch im Menüplan nichts dem Zufall überlassen. Und die Gäste von Intro lassen sich nicht lange nötigen. Von Absinth bis Syllabub - lecker!

1969 wurde der März Verlag mit revolutionärem Elan - aber ohne das heute zum selben Zwecke nötige Maschinengewehr - gegründet. Nach einer lebhaften Verlagsgeschichte war es 1987 offiziell vorbei mit den gelben Einbänden und den Buchtiteln in leuchtend roter Schrift. Aus der Nachkriegshistorie sind sie aber ebenso wenig wegzudenken wie aus dem Deutschen Literaturarchiv. Im März Verlag, den Jörg Schröder einst mit schnell mal angeeigneten Produktionsmitteln und ein paar weiteren Wagemutigen im Keller des Melzer Verlags aus der Taufe gehoben hatte, sind Klassiker wie Günther Amendts Aufklärungsfibel "Sexfront" und Schröders autobiografischer "Siegfried" erschienen.


Bei März wurden progressive amerikanische Schriftsteller verlegt - zu einer Zeit, als die USA das Feinbild Nr. 1 der Linken waren. Und es kamen politische Bücher heraus, von denen Label-Stars wie der postmoderne Dichter Rolf Dieter Brinkmann nichts wissen wollten. Der abenteuerlustige Verleger Schröder stopfte ein mächtiges Pulverfass


1990 machten Jörg Schröder und Partnerin Barbara Kalender aus der Not eine Tugend. Eine Not mit der Zensur, die dank moderner (Kultur-) Technik kürzlich wieder zum Vorschein gekommen ist - und nebenbei ein Phänomen offenbart, das die viel gelobten Möglichkeiten des Internet arg beschränkt. Anfang der 90er-Jahre entstand die geniale Geschäftsidee der "Schröder erzählt"-Folgen. Sie enthalten süffisanten Klartext über den Literaturbetrieb und andere Verdichtungen des lästigen Systems. Und zwar lediglich für Abonnenten - sogenannte Subskribenten. Wegen der jetzigen Nebentätigkeit von Kalender/Schröder als taz-Blogger ist diese Praxis einer neuerlichen Prüfung unterzogen worden. Hatte die Zulieferung der "Schröder erzählt"-Geschichten auf Bestellung Eingriffe der Zensur in den Bestand noch verhindert, so bietet das digitale Archiv im Netz eine neue Angriffsfläche für beleidigte Leberwürste. Ein paar auf taz.de veröffentlichte Episoden genügten, um an verletzten Persönlichkeitsrechten zu rühren, die juristische Verfügungen nach sich zogen.

Aber davon lassen sich Jörg Schröder und Barbara Kalender die Laune nicht verderben - schon gar nicht den Appetit! Fotografin Marietta Kesting und ich sind zum "Kochen mit" in ihrer Wohnung in der Nähe vom Schöneberger Rathaus geladen. Einen besonderen Anlass gibt es auch, besser gesagt zwei: Zum einen wäre da Jörg Schröders nahender siebzigster Geburtstag im Herbst, zum anderen die Initiative des Verlegers Martin Schmitz, den der Internet-Zoff um bestimmte "Schröder erzählt"-Folgen empörte. So ist nun über seinen Verlag ein kleiner Schrank mit den bislang entstandenen 50 Folgen (+ Treuegaben) in einer symbolischen Auflage von 70 Stück zu haben. Die Folgen kosten den Normalpreis, die Schubladen sind umsonst. Man möchte sich die Weisheit des Bankiersohns, Yello-Sängers und Freigeists Dieter Meier zu Eigen machen, der meinte, dass es die Pflicht und Schuldigkeit eines jeden Wohlhabenden sei, einen Schneider zu bezahlen - und Klamotten nach Maß zu tragen. Wer also ein bisschen was auf der Kante hat, sollte mit dem Kauf dieses Möbels der Wahrheitsfindung unbedingt Vorschub leisten.


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aus Intro #164 (September 2008)
 
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