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PeterLicht

Im Interview: Ich brauch ein neues Gesicht

20.08.2008, 09:43, Text: linus volkmann, Foto: Christian Knieps
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"Ich ist geisteskrank" ist eine Zeile auf der neuen PeterLicht-Platte. Nun, das mag für viele vielleicht keine neue Information sein, doch so wie bei dem gesichtsunprominenten Kölner hat man all die großen und kleinen identitären Verwirrungen sicher noch nicht gehört. Erkenne das, was du nicht siehst. Wünscht sich zumindest Linus Volkmann.

"Ich brauch' ein neues Gesicht,
sie kommen hinter mir her
Ich brauch ein neues Gesicht,
sonst hab' ich bald keins mehr"
(Jens Friebe "Neues Gesicht
")

Gedächtnisprotokoll: 2003, zur zweiten Platten von PeterLicht, wurde Redaktionen als Promo-Gimmick eine Kartoffel zugeschickt, in die sollte man Streichhölzer o. Ä. stecken und sich vorstellen, das Ergebnis sei der Künstler, Interviews gäbe es nur per Telefon, denn der echte, nicht kartoffelige Musiker möchte die Illusion aufrechterhalten, er lebe im All (Platte hieß "Stratosphärenlieder") statt in Köln. Spätestens an diesem Punkt war die Begeisterung für den Hit "Sonnendeck" durch das nachfolgende quatschige Unbill abgegolten.


Man fand sich quitt mit PeterLicht und traute ihm, wenn überhaupt, nur noch Lästiges zu. Diese fahrige Genervtheit sah sich von der dritten Platte "Lieder vom Ende des Kapitalismus" dann aber schnell in die Schranken gewiesen. Statt Kartoffel und All gab es die konsequente Gesichtsverweigerung und ansonsten nur noch - mittlerweile völlig von Elektronik zur Band gewandelte - ergreifende Musik. POP in Kapitalen und Kapitalismus als Thema. Aber nicht wie im vertrottelten Deutschpunk, im verdunkelten Hamburg oder im affirmativen Bling-Bling des HipHop. PeterLicht sang ironiefrei darüber, dass der omnipotente, gefühlt universelle Kapitalismus auch sterblich sei. Aus dieser Hinfälligkeit erhob sich die Größe der Kleinen - ein bisschen Utopie in utopieferner Zeit. Und auch neben der Musik geschah die letzten Jahre plötzlich viel PeterLichtmäßiges.


Mit abgeschnittenem Gesicht erweiterte er bekannte TV-Formate wie "Die Harald Schmidt Show" und genauso den Literaturwettbewerb des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis', er schrieb und malte Bücher, brachte ein Theaterstück auf die Bühne, gerann 2008 beim Immergut zum heimlichen Headliner und jetzt, jetzt "Melancholie und Gesellschaft". Die nächste Platte. In einem italienischen Opa-Eisladen will er getroffen werden, beim letzten Mal war es ein Oma-Kuchencafé. Gern. So beeindruckend das neue Werk wieder ist, würde ich diesmal sogar mit der Kartoffel reden.

Auf der Heimfahrt vom Melt! habe ich in einer ostdeutschen Tageszeitung einen Bericht über das Festival gelesen, und da fand sich unter anderem auch ein Bild von dir auf der Bühne. Mit Gesicht und wie du die Sitar spielst.
In welcher Zeitung war das?

Keine Ahnung, irgendwas recht Merkbefreites vom Bahnhofskiosk. Ist das für dich noch im grünen Bereich oder mittlerweile total ärgerlich, weil du die Unkenntlichkeit ja sonst so konsequent durchziehst?
Wenn ich mich auf eine Festival-Bühne stelle, wo Tausende von Leuten davor stehen, ist da vieles nicht mehr in meiner Macht. Ich will keinen Krampf entstehen lassen und jedem Einzelnen hinterherjagen - auf meinen eigenen Konzerten hänge ich aber Schilder hin, die bitten, keine Aufnahmen zu machen. Ich finde es aber auch spannend, wo sich da plötzlich Paparazzi-Attitüden freisetzen. Das Literatur-Feuilleton der FAZ hat ein großes Frontalbild von mir gebracht, obwohl Redakteur und Fotograf noch gesteckt bekommen hatten, dass das absolut nicht erwünscht sei. Und im heiligen Kulturtempel der FAZ konnte man dann aber stolz vermelden, dass man PeterLicht abgeschossen habe. Das fand ich wiederum super, wer sich auf einmal zum Paparazzi degeneriert.

Das ist aber doch ein gutes Beispiel dafür, dass dieses Verstecken, das Maskieren eine Lust an der Demaskierung weckt. Bei Kiss schaukelte es sich hoch bis zur Platte mit den blanken Gesichtern "Unmasked" - und danach waren sie eigentlich nicht mehr interessant.
Na, ich habe ja gar keine Maske, live stehe ich ganz normal vor den Leuten. Mein Antrieb bei der Sache ist ja der, dass ich introvertiert Musik machen möchte, aber natürlich dennoch veröffentliche, und daraus ergeben sich ganz viele Brüche, seltsame Erwartungshaltungen, komische Zuschreibungen - und auf dieses absurde System reagiere ich folgerichtig auch absurd. Also, dass ich in Klagenfurt sitze und im TV nicht zu sehen bin, also der Kopf abgeschnitten ist. Wenn ich das dann selbst sehe, ist das schon unerträglich, und es hat auch einen Scheiße-Faktor, aber ich finde es dennoch genau richtig, auf so eine Veranstaltung in der Form zu reagieren. Ich empfinde das aber an keiner Stelle als Maskierung. Okay, es ist von vorneherein für alle schon klar, dass da was nicht stimmt. Aber das ist ja das Wesen medialer Inszenierung, da stimmt auch immer was nicht. Und wenn ich zu sehen bin, wird das halt direkter deutlich. Das hat für mich eine größere Form der Wahrhaftigkeit, als wenn man dem zu produzierenden Bild einfach entspricht.

Kann man wirklich innerhalb der großen Medien einen Beweis gegen sie führen?
Nein, sicher nicht. Und was schon alles in meine Art reingelesen wurde: Marketingstrategie, Alleinstellungsmerkmal etc., ... was ich auch nicht widerlegen kann und möchte.


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