Indien-Special
Auf der Suche nach elektronischer Musik in Indien
15.07.2008, 13:11, Text:
Ralph Christoph, Foto: Ralph Christoph
Der ehemalige Spex- und Stadtrevue-Redakteur und heutige c/o-pop-Programmchef Ralph Christoph reiste für das Goethe-Institut durch Indien, um für die diesjährige c/o pop spannende elektronische Musik zu finden. Das ist seine Geschichte.
Auf den ersten Blick mutet es reichlich seltsam an, sich in einem Land wie Indien auf die Suche nach elektronischer Musik zu machen, fallen einem doch erst mal traditionellere Klänge ein. Aber war da nicht was mit Goa-Trance und Bhangra-Beats im Weltmusikkleid? Ja, all das gab und gibt es. Und sonst?
Es ist zehn Jahre her, dass Kreuzüberversuche aus Tabla, Drum'n'Bass und Liveband in Talvin Singhs Londoner "Anokha Club Night" unter dem Begriff "Asian Underground" für großes Aufsehen sorgten. Danach hatte sich die Aufregung aber wieder gelegt. Es waren im letzten Jahrzehnt einzelne Künstler, die auffielen, keine weitere Szene im größeren Sinne. So popularisierte Nusrat Fateh Ali Khan aus Pakistan die Sufi-Musik in Europa, brachte Trilok Gurtu die Tabla zum Jazz, enterte Panjabi MC die Charts und machte sich Nitin Sawhney einen Namen als ambitionierter Crossover-Künstler sowie zuletzt als Musikproduzent für Games. Doch während zwischen New York und Ibiza vereinzelte Exil-DJs Bollywood-Bhangra mit Dancehall bzw. Trance mit Tablas kreuzen, fristet die elektronische Musik vor Ort ein Nischendasein. Und das, wo "Minimal Music schon im alten Indien angesagt war", wie Ilija Trojanow in seiner lesenswerten "Gebrauchsanweisung für Indien" zu berichten weiß. "Spirituellen Dadaismus" nennt er die Reduzierung des Notengebrauchs auf "Sa" und "Pa" in Gebeten - was in der Tat gut passt, wird die Messe in den heiligen Hallen der elektronischen Musik doch heute in Nullen und Einsen gelesen ...
Bollywood & Cricket
Für das siebtgrößte Land der Welt mit weit über einer Milliarde Einwohnern, das an sechs Staaten grenzt und die Ausdehnung von Europa hat, mag eine solche Nischenexistenz auf den ersten Blick verwundern: Bei so vielen Menschen müssen sich doch auch genügend für Genrenischen finden. Wie und wo spielt also die elektronische Musik in Mumbai, Delhi und Kolkata, immerhin drei der zehn größten Städte der Welt? Oder in kommenden Megacitys wie Bangalore oder Hyderabad, von deren Existenz die wenigsten wohl eine Ahnung haben? Gibt es in Indien überhaupt die elektronische Musik, wie wir sie aus Europa und Amerika kennen, oder müssen wir uns auf etwas komplett anderes gefasst machen?
Fotostrecke:Indien-Special
Mit grundsätzlichen Fragen dieser Art bin ich an meine fünfwöchige Südasien-Reise mit Schwerpunkt Indien herangegangen. Nun, Musik im Allgemeinen, das wird schnell deutlich, liegt zwar in ganz Indien in der Luft, mehr als in jedem anderen Land der Welt -überraschenderweise aber nicht im traditionellen Sinne, wie man vermuten würde. Etwas, das man als "indische Musik" fassen könnte, sucht man nämlich vergeblich, weil das Land nicht nur aufgrund seiner postkolonialen Struktur und Geschichte (Stichworte: England, Pakistan und Bangladesch), sondern auch wegen seiner unzähligen Kultur- und Sprachregionen unmöglich als homogenes Konstrukt zu sehen und verstehen ist. Was den Besucher hingegen sofort in Beschlag nimmt, ist Bollywood - jene mächtige Kultur-, Medien-, Macht- und Geldmaschine, die weltweit ihresgleichen sucht. Bollywood ist definitiv bigger than life, und das in jeder Beziehung.
Spätestens, als Mitte Juni bekannt wurde, dass sich eine indische Investmentfirma mit über 500 Millionen Dollar bei DreamWorks SKG beteiligen wird, um diese aus den Klauen von Viacom in die Unabhängigkeit zurückzuführen, dürfte auch der interessierten europäischen Öffentlichkeit gedämmert haben, welche ökonomische Kraft sich hinter der (inhaltlich) oft belächelten Filmindustrie Indiens mittlerweile verbirgt. Um das Marktpotenzial alleine in Indien und den Anrainerstaaten zu verdeutlichen, genügt ein Blick auf die Verkaufszahlen: Das Produzenten-Trio Shankar/Ehsaan/Loy hat nach eigenen Angaben von den letzten vier veröffentlichten Soundtracks (2008 produzieren sie derer acht!) inklusive Remixauswertungen, Downloads und Klingeltönen insgesamt 100 Millionen Einheiten verkauft! Steht auf der Abrechung ihrer Plattenfirma, sagen sie.
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