Lindstrøm, Black Devil Disco Club, Elaste - Disco not Disco Artikelbild (groß)

Lindstrøm, Black Devil Disco Club, Elaste

Disco not Disco

15.07.2008, 13:28, Text: arno raffeiner, Foto: Lin Sternsrud

Tanzmusik ist am Rande der Floors oft am schönsten. Da, wo sie ausfranst, abdriftet und zu Rundflügen durch alle vier Dimensionen abhebt. Wie zum Beispiel in Oslo, Paris und Wien. Arno Raffeiner lässt sich von drei Not-Disco-Produzenten auf die musikalische Reise mitnehmen.

Achtundzwanzig Minuten, achtundfünfzig Sekunden. Disco ist nichts für die Ungeduldigen der Generation Zappelphilipp. Zumindest nicht im Jahr 2008, wenn der Spiegelkugelglitzer von einst meist in Verbindung mit Worten wie Space, Kosmos oder Balearic verhandelt wird. Der Trip führt weit zurück in die Geschichte und an die Ränder der Tanzmusik. Statt kollektiver Ekstase gibt es den Soundtrack zur individuellen Mobilität, sowohl als iPod-Futter für unterwegs als auch für die Reise im Kopf. Genau mit diesen Parametern versucht Hans-Peter Lindstrøm die drei epischen Tracks seines Debütalbums zu fassen. Denn er weiß, dass achtundzwanzig Minuten und achtundfünfzig Sekunden - die Dauer, über die sich das Titelstück "Where You Go I Go Too" ausbreitet - auch für erfahrene Disco-TänzerInnen etwas too much sein dürften: "Ich bin sicher, es gibt dafür andere Verwendung als auf dem Dancefloor. Ich persönlich höre Musik lieber beim Spazierengehen oder Autofahren als beim Tanzen. Obwohl es mir natürlich nichts ausmacht, wenn die Leute sich dazu in den Clubs vergnügen."


Bernard Fevre dürfte das vermutlich noch weniger ausmachen. Die Begeisterung auf den Floors ist im Gegenteil eine längst überfällige Bestätigung für ihn. Vor 30 Jahren veröffentlichte Fevre sein erstes Disco-Album. Im Zuge des neu erwachten Interesses an den eher finsteren Ecken des alten Glitzers wurde sein Black Devil Disco Club 2004 wiederentdeckt. Fevre schloss mit neuen Produktionen direkt an seinen Sound von 1978 an und war damit so hot und heutig, wie man nur sein kann. "Es war, als würde man sterben und wiedergeboren", meint Fevre dazu und wirft sich kokett in die Pose eines Disco-Messias. Mit dem dritten Teufelsalbum "Eight Oh Eight" will der Dancefloor-Dinosaurier das BDDC-Projekt nun allerdings beenden. Genug Sternenstaub hat er sich inzwischen ja abholen können, von Richard D. James über die niederländische Italo-Posse um Viewlexx bis zu Lindstrøms Buddy Prins Tomas waren alle voll des Lobes für die kosmischen Tanztrips von BDDC. Von den üblichen Feierklischees will Fevre trotzdem nichts wissen: "Ich ziehe Surrealismus dem Hedonismus vor."

Eigentlich das perfekte Motto für alle Space Funker. Denn es geht ums Ausbrechen, Überkitschen, Abheben. Fevre macht das seit 30 Jahren, Lindstrøm am liebsten gestreckt auf 30 Minuten, im Grunde aber geht es auch in 30 Sekunden. Wie auf der "Elaste"-Compilation von Tom Wieland: Am Anfang ist ein Trommelwirbel. Jenes altbekannte Stottern des Rhythmus', das bei allen einigermaßen Konditionierten sofort eine Pawlow'sche Vorfreude auslöst. Gleich rappelt hier der Beat im Karton!


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aus Intro #163 (August 2008)
 
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