Martha Wainwright
Sinn und Sinnlichkeit
15.05.2008, 15:20, Text:
Jasper Nicolaisen
Martha Wainwright hat Gefühle. Und ganz schön vertrackte, das sagt ihre neue Platte schon im Titel aus: "I Know You're Married But I've Got Feelings". Mehr dazu und wie man mit Groupies und britischen Puppenshows trotzdem das Beste aus dem Leben macht, erfuhr Jasper Nicolaisen bei einer eindringlichen Begegnung in Berlin.
Sämtliche Umstände meines Treffens mit Martha Wainwright signalisieren, dass diese Frau für Unprofessionalität keine Zeit hat: konspirative Anrufe aus höchsten Redaktionskreisen und ominöse Kontakte, die Fahrradkuriere mit der neuen Platte entsenden. Fahrradkuriere, die mich rügen, weil ich im Hinterhaus wohne. Falls es gewünscht war, dann ging die Taktik auf: Ich fühle mich klein und unbedeutend und entschuldige mich demütig. Auch der kleine Hoffnungsschimmer, um mein Ego wieder hochzufahren - vielleicht ist ja wenigstens die Platte schlecht -, stellt sich als Illusion heraus. Sie ist sehr gut und klingt, als ob die Dixie Chicks plötzlich tolle Songs hätten, mit Texten über Sachen, die wehtun. So bringt man Professionalität und Gefühl zusammen.
Oder so: Sichtlich nervös stehe ich vor der Künstlerin. Die Gedanken rotieren im Kopf. Jetzt bloß nicht nach ihrem älteren, berühmteren, schwulen Bruder fragen. Das mag sie bestimmt nicht. Generell und da ihn die meisten wahrscheinlich ihr erst mal - und natürlich unberechtigterweise - als Gesprächspartner vorziehen. Vielleicht sollte ich "Martha" sagen, einfach so. "Nice to meet you, Martha." Puh. Ich mache es nicht und gestehe ihr stattdessen meine Nervosität - und ernte ein entwaffnendes "Hey, dann lass uns ein großartiges Interview für das große Magazin machen!" Und dann hält sie mir die Hand hin - ich schlage begeistert ein. Auch wenn das nicht gemeint war, wie sie grinsend kommentiert: "Ich wollte eigentlich die Wasserflasche." Na ja, wenigstens ist das Eis gebrochen. Zeit für richtige Fragen.
Im Vorfeld zur Platte war zu vernehmen, dass sie endlich ganz bei sich und ihrem neuen Selbstbewusstsein angekommen sei. War sie vorher unsicher und schüchtern? Sie gibt zu verstehen, dass ja die ganze Familie aus Musikern bestehe, erfolgreichen zudem. Sie also unter dem typischen Stigma der kleinen Schwester mit dem großen Namen zu leiden hatte. Als solche gab es für sie statt eines Plattenvertrags zunächst die Ochsentour und kleine Brötchen, bis sich der große Indieerfolg als Ergebnis ihrer harten Arbeit einstellen sollte. Womit sie aber ihre Familie nicht verteufeln will - denn bei allen Schwierigkeiten ist sie doch immer auch hilfreich. Beispielsweise fordert sie sie permanent heraus. Vor allem für Rufus würde das gelten. Aber auch abseits der Familie empfindet sie tolle Musik als Anregung und Herausforderung, es besser zu machen, allen voran die traditionelle Musik der Americana.
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