Gustav
Im Interview: Rettet die Ware
15.05.2008, 12:27, Text:
linus volkmann, Foto: Kathrin Spirk
Subversion durch Affirmation! Die androgyne Tanzfläche! Der systemkritische Rave! Das alles waren mal Top-Strategien der Pop-Linken. In den 90ern. Die Postulierer von einst schreiben dieser Tage unter ihrem aktuellen Claim "Medienarbeiter" allerdings bloß noch Texte übers (ihr eigenes) Prekariat. Doch Linus Volkmann weiß: Mit Gustavs Album 'Verlass die Stadt' bekommen die alten Forderungen plötzlich Glamour und Brisanz zurück.
Gustav empfängt in einem Wiener Kaffeehaus nahe einer großen Einkaufsprachtstraße. Es ist später Vormittag, der Ober höflich und förmlich wie in einem Theaterstück von vor hundert Jahren. Als verrohter Autor wartet man ständig, dass diese Inszenierung kippt und die selbstverständlich vermutete Ironie hinter der servilen Perfektion sichtbar wird. Passiert aber nicht. Hier drinnen wird noch gemeint, was präsentiert wird. An sich kein schlechtes Omen für ein Interview ...
Gustav hat eine junge Frau geschickt. In dem Fall sich selbst. Denn Gustav, so wäre Gustavs Name nur geworden, wäre sie ein Junge, da das aber nicht eintrat, sitzt nun Eva hier. Der Gustav wurde Bühnenname und nimmt bereits ihre Lust an der Geschlechterthematik und deren Erschütterung vorweg. Eva bestellt sich Eier im Glas. Für ungeübte Augen ein zweifelhaftes glibberiges Vergnügen, für Eva offenbar ein Genuss.
Fotostrecke:Gustav
Sie steht am Tag des Gesprächs kurz vor Abschluss der Aufnahmen zu ihrer zweiten Platte, dem Nachfolger des growing Überraschungserfolgs 'Rettet die Wale' von vor zwei Jahren. Darauf entdeckte man sehr vergleichsbefreiten Electro-Chanson, der sich im Titelstück der Appellhaftigkeit nicht schämte, nein, diese sogar zur eigentlichen Kunst machte. "Die neuen Texte wollte ich diesmal noch etwas düsterer haben, also zumindest sind sie es geworden. Das Album entstand ja auch über einen sehr langen Zeitraum, jetzt erst beim Zusammenstellen habe ich gemerkt, wie das als Ganzes wirkt."
Wenn man wollte, könnte man Eva hier weiter schön aufs Glatteis folgen. Seht her, so ist sie: die Sprunghafte, die Zufällige, mit einem Hang zum genialisch Absichtslosen. So ist es aber nämlich genau nicht! Gerade die Texte der neuen Platte sezieren hinter dem schwelgerisch-melancholischen Schönklang messerscharf. Die vordergründige Poesie lässt die Schnitte bloß weicher erscheinen. In Wahrheit geht's hier um alles. Schon der erste Song 'Abgesang' knüpft an zwei bekannte Posen des ausgehenden Diskurs-Pop an: die Kapitulation und die Hinwendung zur Natur. Toco und Blumo also. Nur ist es bei Gustav bemerkenswert unprätentiös in Szene gesetzt und gelangt zudem zu anderen Schlüssen: Die Resignation gegenüber dem monolithisch regressiven Status quo mündet ins Einstimmen in den Gesang der Vögel. Tschilp, tschilp. Wie kann ein Song, ach, ein Gesamtkunstwerk nur gleichzeitig so wunderschön und so morbide sein? 'Verlass die Stadt' ist Fin de Siècle am Anfang eines neuen Jahrhunderts.
Video: Gustav - 'Verlass die Stadt (live)'
Im Gespräch nah an der Pressung des Albums weiß Gustav noch nicht, wie sie die Platte nennen wird. Ahnt es aber schon. "Es wird auf jeden Fall etwas sein, was anhält zu gehen. So was wie 'Hau ab' oder 'Verlass die Stadt'. Mir ist wichtig, dass es eine Bewegung nach draußen formuliert. Wenn es 'Verlass die Stadt' wird, soll aber nicht gemeint sein, dass es auf dem Land besser ist - auf keinen Fall."
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