1 Frage an
Motorpsycho
26.03.2008, 14:15, Text:
Joachim Henn
Beim Hören des neuen Motorpsycho-Albums fragt man sich unweigerlich: Ist Rock'n'Roll wirklich tot? Von Jason Pierce, Kopf der Band Spiritualized, ist überliefert, dass er Rock'n'Roll als authentische Form seit 1975 als gestorben ansieht. Möglich wären heutzutage nur noch Zitate und Paraphrasierungen. Wie wird das in Norwegen gesehen?
Bent Sæther: Das Alphabet hat nur eine begrenzte Anzahl Buchstaben, die Oktave eine begrenzte Anzahl Noten. Ob Dinge funktionieren, hängt davon ab, wie man sie miteinander kombiniert. "Authentischer" Rock'n'Roll wäre für mich Eddie Cochran und Chuck Berry und eher ein kulturanthropologischer oder kulturgeschichtlicher Gegenstand als irgendetwas anderes. Trotzdem läuft es mir den Rücken herunter, wenn ich "Ace Of Spades", "Hells Bells", "Freak Scene", "Negative Creep", "No One Knows", "Devils Haircut", "Main Offender" und wahrscheinlich ein paar Dutzend mehr Songs höre. Genauso wie wenn ich einen großartigen "authentischen" Rock'n'Roll-Song höre.
Es wohnt beiden also etwas grundsätzlich Gemeinsames inne. Für mich ist das definitiv eine Energiesache, keine stilistische Angelegenheit.
Ich bin einverstanden mit der These, dass ab ca. 1975 der Blick von Rock'n'Roll eher rückwärts als nach vorn gerichtet war, im Gegensatz zu Punk. Wäre die Alternative die Zukunft, die REO Speedwagon und Styx repräsentierten, würde ich lieber ausschließlich zurückblicken. Impliziert Pierce aber, dass Rock mit dem Geschichtsbewusstsein auch seine Reinheit verloren hätte und damit irgendwie zu einer Meta-Kunstform geworden wäre, hat er sich, wie ich fürchte, vertan: Ich wette, dass alle bekannten Meister jedweder Kunstform ein tief greifendes Wissen über das hatten, was vorausgegangen ist. Das muss so sein, denn nichts kommt von alleine.
Sollte Wissen irgendwie in Konflikt mit Authentizität stehen, habe ich wirklich eine Menge Dinge im Leben falsch verstanden. Ich würde wetten, dass das, was z. B. einen Lappländer ausmacht, sein Wissen über alle lappländischen Dinge ist: Dieses Wissen macht ihn zu einem Lappländer. Anders gesagt: Weil man Rock kennt, ist man ein Rocker. Man wird nicht als solcher geboren - auch wenn Bon Scott womöglich anderer Meinung wäre!
Die Frage stellte Joachim Henn
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