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Carl Craig

Mythen in Trümmern

29.03.2008, 16:53, Text: arno raffeiner, Foto: Jonathan Forsythe

Ein Techno-Pionier zieht Bilanz. Nach über 20 Jahren wird es Zeit für einen Abgleich zwischen Aura und Alltag. Fotograf Jonathan Forsythe hat Carl Craig auf einer Rundfahrt durch seine Heimatstadt Detroit begleitet, Arno Raffeiner hat ihn nach den Hintergründen befragt.



Popschreibe bedeutet Aufladung. Es geht um das Vermitteln, das Suchen und Finden, manchmal auch das Herbeihalluzinieren von Kontexten, Zusammenhängen und unerwarteten Querverbindungen. Gerade Orte, an denen in Sachen Pop Besonderes passiert, werden so schnell durch eine magische Aura überhöht. Je unspektakulärer oder trister die realen Gegebenheiten vor Ort, umso stärker muss die auratische Verklärung knistern. So schön kaputt alles hier!

Der Mythos der Stadt Detroit und ihrer ureigenen Musik Techno wurde genau deshalb schon oft genug erzählt. Nun soll also ausgerechnet Carl Craig auf einer Rundfahrt durch seine Heimatstadt als Zeremonienmeister der Entzauberung herhalten? Sagen wir lieber: als Realist. Zum einen vermittelt sich seine Persönlichkeit nicht durch Mysterium, Militanz oder afro-futuristische Erlösungsutopien. Er präsentiert sich mit einer vernünftigen Portion Selbstbewusstsein als Techno-Star und Allround-Musiker.

Zum anderen hält er sich angesichts der Geschichte und des Stadtbilds Detroits nicht lange mit Glorifizierungen auf, sondern geht lieber auf soziale und ökonomische Bedingungen ein, die diesen Ort genau so haben werden lassen. Trotzdem bleibt da ein Rest an Geheimnis und mythischer Aufladung, nämlich in seiner Musik. Carl Craig nimmt unter den Detroiter Produzenten eine Sonderstellung ein. Die Techno-Pioniere Juan Atkins, Derrick May und Kevin Saunderson - die berühmten Belleville Three - treten kaum noch mit eigenen Produktionen in Erscheinung und bereisen eher als museale Verwalter ihrer eigenen Vergangenheit die Tanzflächen der Welt.

Wie die Belleville Three ist Craig ebenfalls seit Ende der 80er-Jahre dabei, war aber auch in den letzten Jahren sehr produktiv und steht nach einer nicht enden wollenden Serie an Remix-Hits im Zentrum der Aufmerksamkeit. Mit einer Compilation zieht er nun Bilanz, vorläufig. 'Sessions' ist eine Retrospektive, die Tracks vom Anfang der 90er mit aktuelleren Produktionen, vor allem aber seinen zahlreichen Remixen verbindet.


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aus Intro #159 (April 2008)
 
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