Neue Formate, nur noch Amateure, keine Budgets?

Clipland 2008

25.01.2008, 13:40, Text: Miriam Stein

Neue Formate, nur noch Amateure, keine Budgets?Lust auf einen Musikclip zu dem Song, der eben gerade auf Last.fm lief und einem nun nicht mehr aus dem Kopf geht? Kein Problem. Die Zeiten, in denen man nachts stundenlang vor MTV gehockt und auf den einen Clip gewartet hat, sind vorbei. Das Internet ist der Selbstbedienungsladen der Unterhaltungsindustrie geworden: Das Lustobjekt ist niemals mehr als zwei Stichworte in der Suchmaschine entfernt. Entsprechend setzt das \"On Demand\"-Medium neue Regeln. Unsere Autorin Miriam Stein erklärt sie uns.




Dieser Tage viel diskutiert und viel benannt ist die Veränderung der Sehgewohnheiten, seit wir selbst auf YouTube und Co. unsere eigene Clip-Rotation bestimmen. \"Das Video von OK Go hat einen MTV Award gewonnen, obwohl es ohne Regisseur gemacht wurde und nur auf DV gedreht ist\", fällt Uwe Flade gleich zum Thema ein. Flade ist einer der wichtigsten deutschen Musikvideo-Regisseure der letzten Jahre. Neben deutschen Künstlern wie 2raumwohnung und Sportfreunde Stiller befinden sich auf Uwes \"Rolle\", der Sammlung seiner Clips und Werbefilme, auch Namen wie Zoot Woman, Franz Ferdinand und Depeche Mode. Ins Geschäft ist Flade über alte Bekannte gekommen: \"Mein erstes Video habe ich 2000 für die Sportfreunde Stiller zum Song ›Wunderbaren Jahren‹ gedreht. Von Vorteil war, dass ich mit dem Peter auf der Schule war.\"

Nach sieben Jahren im Biz sieht Flade den gegenwärtigen Musikvideo-Markt kritisch: \"Vor acht bis zehn Jahren gab es zwar auch schon bewusst Lo-Fi'ig gemachte Videos wie ›Praise You‹ von Fatboy Slim, aber generell wurde viel investiert, um die Clips gut aussehen zu lassen: Es ging darum, große Ideen zu inszenieren. Was Regisseure wie Gondry, Glazer, Cunningham und Spike Jonze gedreht haben, gilt für mich immer noch als die goldene Zeit des Mediums. Sie haben Stile und Welten erfunden, mit der Ambition, Emotionalität zu erzeugen. Das hat auch den Spielfilm und die Werbung stilistisch beeinflusst - was heute eher nicht mehr der Fall ist.\"

Zur Erinnerung: OK Go, Rockband aus Chicago, verdanken ihren Musikvideos einen entscheidenden Teil ihrer Popularität. \"A Million Ways\", die erste Single des zweiten Albums von 2005, zeigt die Band beim Tanzen im Hinterhof. Das Budget für den Clip betrug der Legende nach unter zehn Dollar und ist ohne Wissen der Plattenfirma Capitol Records entstanden und veröffentlicht worden. Ein Jahr später wurde \"A Million Ways\" zum meist runtergeladensten Clip der Geschichte ernannt, mit über 90 Millionen Downloads. Die zweite Single \"Here It Goes Again\" zeigt die Band ähnlich choreografiert auf vier Laufbändern. Bis August 2007 wurde der Clip 27 Millionen Mal angeschaut und belegt den vierten Platz der YouTube-All-Time-Favourites. Der Clip wurde mit einem Grammy-Award ausgezeichnet.

\"Das OK-Go-Video ist für mich die Blaupause für Musikvideos in der MySpace- und YouTube-Zeit. In diesen Foren wird eine neue Art von spielerischer Kreativität honoriert, die vorher die Ausnahme war. Toll ist natürlich auch, dass Bands hier demokratisch entdeckt werden und sich in diesen Biotopen eine neue Form von Kreativität entwickelt, die nicht unbedingt über den Filter Musikindustrie läuft. Um ehrlich zu sein, hat für mich als Regisseur aber das Musikvideo als künstlerisches Leitmedium seinen Reiz verloren, was nicht bedeutet, dass ich mich nicht mehr dafür interessiere - ich schaue mir alles an\", gesteht Flade.

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