
Lightspeed Champion
Hinschmeißen zwischen London und Omaha
21.01.2008, 15:51, Text:
Lutz Happel, Foto: Nils Rodekamp
Vor gut zwei Jahren tauchten die Test Icicles mit einem erstaunlich ungeschliffenen Trashpop-Debüt unvermittelt in der britischen Musiklandschaft auf; mit neonfarbenen Gitarren, sympathisch schiefem Gesang und geradezu atomarer Energie – und verglühten binnen eines Jahres.
Für Ex-Mitglied Dev Hynes, Folkfetischist mit Hang zu außerirdisch-schrillen Outfits, der sich trotzdem angeblich kein Stück für Mode interessiert, war es ein Projekt von vielen: \"Zu jener Zeit haben wir alle ständig neue Sachen ausprobiert. Wir hatten ungefähr zehn Bands gleichzeitig und haben wirklich alles aufgenommen.\"Warum also nicht gegen alle marktwirtschaftlichen Gesetze nach einem erfolgreichen Debüt alles knicken und neu starten? Man ist ja schließlich Musiker und nicht BWLer.
Nun ist sein Solodebüt unter jenem sympathisch größenwahnsinnigen Comicpseudonym fertiggestellt, das sich, wie er sagt, anhört, als ob man \"die Unschuld zum fünften Mal verliert\", und das nicht weiter entfernt sein könnte von der Hemdsärmeligkeit seiner früheren Band. Bedächtig und behutsam irrlichtern Folktraditionen und orchestrale Arrangements zwischen Amerika und England umher. Entscheiden sich aber im Zweifelsfall immer für Amerika, für Slidegitarren, für Indietum jüngeren Datums in Form von emotionalen Schadensberichten, für Miniaturgeschichten, für inhaltliche Flapsigkeit. Hinzu kommt ein ausgeprägt schräger Humor (Beispiel: Ein Stück über den Verlust der Jungfräulichkeit trägt den Titel “I Could Have Done This Myself”).
All das ist in Anbetracht der Produktionsumstände nicht verwunderlich: Hynes nahm über mehrere Monate gemeinsam mit Mike Mogis auf, Bright-Eyes-Mitglied und Hausproduzent bei Saddle Creek Records in Omaha, Nebraska. Nach und nach kamen immer mehr Gastmusiker hinzu: Mogis selbst, Nate Walcott (Trompete, Piano), Clark Baechle von The Faint (Schlagzeug), Emmy The Great (Gesang) und verschiedene Mitglieder von Cursive und Tilly And The Wall. Der Einfluss des Saddle-Creek-Umfelds liegt auf der Hand. Aber wie verhält es sich mit der musikalischen Sozialisation? “Früher waren beispielsweise Ash für mich sehr wichtig. Demgegenüber war ich immer begeistert von Bands wie Weezer, Smashing Pumpkins oder Nirvana. In Großbritannien gab es wenige Bands, die mir wirklich gefielen, als ich jünger war.”
Seine erste musikalische Prägung waren Musicals wie “Hair” oder die “Rocky Horror Picture Show”. Musik nimmt er als Songs wahr, nicht als Genres oder Kriegsschauplätze zwischen Indie und Mainstream. All das sind Argumente, die zum Glück einer regionalen Einordnung in Schubladen widerstreben, was der Musik unbedingt guttut. Trotzdem: Die Einflüsse sind stark, sie bestimmen den Charakter, und so antwortet er auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, in den USA zu leben, wie aus der Pistole geschossen und mit freudigem Grinsen: “Yes, it will happen next year.”
Wir verlosen die 7-Inch-Single \"Tell Me What It's Worth\"
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