The Magnetic Fields

Endlose Weiten

21.01.2008, 15:25, Text: Lutz Happel

Stephin Merritt ist nicht nur Mastermind des New Yorker Chamberpop-Projekts The Magnetic Fields, er ist auch Komponist, Multiinstrumentalist, Texter, Albtraum vieler Journalisten und ein hochkarätiger Schelm obendrein. Unser Autor Lutz Happel traf ihn anlässlich des achten Albums mit gemischten Gefühlen und verließ ihn angenehm überrascht.




Lange Zeit galt Stephin Merritt mit seiner croonigen Bassstimme und einer ganzen Latte von Projekten als Indierock-Geheimtipp: The 6th (eine elegante Möglichkeit, die eigenen Lieblingssänger ins Boot zu holen), The Future Bible Heroes (Electro-Pop allererster Kajüte), The Gothic Archives (eine augenzwinkernde Darkwave-Parodie) oder eben The Magnetic Fields. Dann erschien unter letzterem Namen jenes programmatische Ungeheuer namens \"69 Love Songs\": drei CDs, randvoll mit catchy Liebesliedern jeglicher Couleur: angestaubte, traurige, lustige, schüchterne, raubeinige, alberne, kitschige, im Hinblick auf Männer und auf Frauen geschrieben. Seitdem ist Merritt bekannt und berüchtigt für den irritierenden Gegensatz seines Wesens und seiner Musik. Irritierend, weil er sehr theoretisch und doppelbödig-ironisch sein kann, für manche fast misanthropisch, vielleicht auch einfach nur wohlüberlegt, seine Musik aber das Gegenteil ausstrahlt. Bei aller klanglichen Leichtigkeit, aller Brian-Wilson- und Phil-Spector-artigen Melodiösität scheint immer auch ein (teils ironischer) Sound-, Theorie- und Konzeptcharakter mitzuschwingen, dem schon so manche Besprechung auf den Leim ging. So viel steht fest: Auf seinen Platten gibt es Ordnungskategorien, die nicht viel mit Musik zu tun haben. Das verleitet immer wieder dazu, The Magnetic Fields als Konzeptmusik zu verstehen, der Schwerelosigkeit der Stücke zu misstrauen. Oder ist das alles ein Witz, über den sich nur der Erzähler kaputtlachen kann?

Frühere Magnetic-Fields-Alben riechen stark nach Konzept. Steht hinter \"Distortion\" auch eins?
Die Songs wurden ausgewählt, bevor die Produktionsweise feststand. Der ganze Witz des Albums ist, dass diese Produktionsweise überhaupt nicht zu den Songs passt. In diesem Verhältnis ist also immer eine gewisse Spannung angelegt. Es besteht aber keine Verbindung zwischen den Songs, außer, dass ich sie geschrieben habe und dass sie auf dem Album versammelt sind. Ich schreibe nicht konzeptionell.

Du magst also, im Gegensatz zur Rezeption vieler Hörer, gar keine Konzepte?
Nein, das kann man schon aus der Trivialität meiner sogenannten Konzepte schließen. \"69 Love Songs\" könnte zum Beispiel genauso gut \"69 Songs, die nicht vom Tanzen handeln\" heißen, und niemand wäre auf die Idee gekommen, dass es Liebeslieder sind.

Bemerkenswert ist der Sound von \"Distortion\". Sehr noisy, sehr viel Hall. Es suggeriert die Aufnahme in einem sehr großen Raum, wie in einer Kathedrale oder großen Halle. War das geplant, und wenn ja, mit welcher Funktion?
Das Album ist genauso voll mit Hall wie beispielsweise \"Psycho Candy\" von Jesus And Mary Chain. In unserem Fall ist jedoch der Hall echt, nicht synthetisch erzeugt, da wir in einem 17-stöckigen Treppenhaus und meiner recht großen Eingangshalle aufgenommen haben. Unser Plan war, genauso wie Jesus And Mary Chains \"Psycho Candy\" zu klingen. Es ist eben so viel Hall auf den Drums, weil die es genauso gemacht haben. Der Unterschied ist, dass unser Hall tatsächlich echt ist, was natürlich ein Witz ist. Es ist, als ob man in einer Höhle aufnähme.

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aus Intro #157 (Februar 2008)
 
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