Radiohead

Im Interview: Schneller als das Leck

21.01.2008, 13:31, Text: Christian Steinbrink
[4 Kommentare]

\"Wo warst du, als das Sparwasser-Tor fiel?\" Das ist lange vorbei. Die Frage des Jahres 2007 lautete: \"How much did you pay for the Radiohead album?\" Endlich passierte mal wieder etwas im Geschäft der Popmusik, das den großen Umsturz zumindest erhoffen ließ. Christian Steinbrink fragte bei Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood über die Beweggründe für die neue Form des Releases ihres Albums 'In Rainbows' nach.


Der große Showdown, das Release, liegt jetzt etwa zwei Monate zurück [das Interview fand Anfang Dezember statt]. Wie sieht euer Resümee aus? Seid ihr zufrieden?
Ja, definitiv ja. Es ging uns in erster Linie darum, das Album so schnell wie möglich nach Beendigung der Produktion herauszubringen, und es war sehr schön, dass sich das ermöglichen ließ. Im Vorfeld der Veröffentlichung waren wir sehr aufgeregt, fast wie vor einem Gig. Der Morgen des 10. Oktobers war dann fast wie eine Performance, wie ein Happening. So viele Leute luden das Album fast zeitgleich herunter, konnten es sofort hören, und wir hatten dafür nur eine CD in einen Server in London einlegen müssen. Das war für uns ein tolles und interessantes Gefühl.

Wann entstand denn die Idee, die Platte auf diese Art und Weise, zunächst ausschließlich per Net-Release, zu veröffentlichen?
Unser Manager sprach schon seit Jahren davon. Zunächst nur sehr vage. Aber diese Idee sprach uns eigentlich gleich an, und wir fingen im April dieses Jahres an, das Release zu planen. Er ist die meiste Zeit gelangweilt und stoned und verbringt seine Zeit damit, sich neue Wege auszudenken, um sein Business spannend zu halten.

Ist denn die Veröffentlichung der physischen Version immer noch aufregend für dich, oder drehte sich alles um den Tag der Erstveröffentlichung?

Das gehört ja zusammen. Niemand kann sagen, was nach dem Net-Release mit dem CD-Release passieren wird. Erst heute erfuhren wir, dass manche Ketten in England die Platte nicht vorbestellt haben, weil sie nicht glauben, sie noch loszuwerden. Wir können aufgrund des Net-Releases nicht vorhersehen, wie sich das CD-Release entwickelt. Wir sind gespannt darauf, das zu erfahren.

Was für Erwartungen hinsichtlich der Reaktionen auf die Bekanntgabe des Net-Releases hattet ihr denn?
Noch eine Woche vor Veröffentlichung dachten wir, dass die Nachricht große Aufmerksamkeit erregen müsste. Aber ein paar Tage später fingen wir an, uns Sorgen zu machen. Wir fingen an zu zweifeln, ob das überhaupt jemanden interessieren wird. Wir gingen zwar weiter davon aus, dass sich die Nachricht im Web verbreiten wird, dachten aber, dass zehn Tage einfach zu kurz seien. Wir waren ziemlich verunsichert.

Es war vor allem Neugierde, die das Release angetrieben hat. Der Wunsch, mal wieder etwas Neues zu erleben, nicht zu wissen, was passieren wird. Normalerweise gibt es ja irgendeinen Plan irgendeiner Plattenfirma, den du befolgen musst. Du musst zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein, du musst ein Video machen, du musst dies und das tun. So fühlte es sich an, als ob wir fünf und die vier Leute, die mit uns arbeiten, gegen den Rest der Welt antreten.

Am ersten oder zweiten Tag nach dem Release brach einer unserer Server zusammen. Deshalb musste jemand so schnell wie möglich nach Reading fahren, mit einem neuen Server auf dem Rücksitz, und ihn anschließen. Es gab keine riesige Plattenfirma mit Leuten, die für dich arbeiten und von denen du noch nie gehört hast. Es war alles so unmittelbar, und wir wurden immer wieder überrascht.

Was glaubst du: Werdet ihr Geld gewinnen oder verlieren im Vergleich zu einem herkömmlichen Release?
Ich weiß es nicht, wir werden das herausfinden. Wir sind auf jeden Fall zufrieden.


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aus Intro #157 (Februar 2008)
 
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  • User: Peter Flore
  • Peter Flore 23.01.2008 | 10:40:23
    Köstlich
    "Das Modell von Radiohead kann doch nicht im Interesse derer sein, die Musik konsumieren, hören und lieben," sagt Norbert Rudnitzky. Hat er recht?

  • buenaventura 23.01.2008 | 10:58:16
    hashomer
    das ist das viel bessere zitat: "Das Musikgeschäft funktioniert ja auf der Basis eines Generationsvertrags." - in einem satz, die voellige realitaetsblindheit einer ganzen branche, die musikbranchenversion von "was frueher recht war, kann heute kein unrecht sein."

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