
Stuart Price
Im Auftrag von Madonna und Seal
18.12.2007, 09:26, Text:
Markus Hablizel
Indies schätzen ihn vor allem für seine eigene Band Zoot Woman, die größeren Bühnen aber bespielte Stuart Price mit Madonna auf deren letzten beiden Welttourneen - und auch ihr letztes Album produzierte er. Nun hat er an Seals neues Album Hand angelegt. Markus Hablizel traf ihn in London.
Vielen gar nicht oder nur als Teil von Zoot Woman, Les Rythmes Digitales, Paper Faces oder unter dem von David Bowie geliehenen Pseudonym Thin White Duke bekannt, ist der gerade mal 30-jährige Wahllondoner Stuart Price nicht erst seit gestern einer der gefragtesten Produzenten im Showgeschäft. Er hat Madonna und New Order produziert, Missy Elliott, Gwen Stefani, Britney Spears, Depeche Mode, Beck und unzählige andere remixt. Die vergangenen Monate hat er gemeinsam mit Seal an dessen neuem Album \\\"System\\\" gearbeitet, das Mitte November erschienen ist. Doch bevor er sich dazu äußern will, stellt er erst mal selbst Fragen: über Köln, Can, digitale Aufnahmegeräte und field recorder.
Ich mag found sounds. Das Beste daran ist, wenn du wieder zu Hause bist. Leute, die field recordings o. Ä. machen, sagen immer, man solle die Sounds so gut und unverfälscht wie möglich dokumentieren. Ich bevorzuge es, nicht zu dokumentieren. Nicht deswegen, weil ich so faul bin, sondern weil ich es mag, wenn du die Sachen in deinem eigenen Studio, in deiner eigenen Umgebung hörst und du aber nie genau weißt, wo das aufgenommen wurde. Nur die Sounds kommen zurück zu dir, und du bist objektiv, weil die visuelle Stimulation der Aufnahmesituation nicht mehr gegeben ist. Das Material ist purer. Die Inspiration, die solchen Sounds innewohnt, ist unglaublich. Du kannst die Sachen rückwärts abspielen, sie eine Oktave tiefer machen, sie pitchen oder was auch immer. Ich bin ja eher der Dokumentierer, der sich Zeit und Ort der Aufnahmen notiert. Kennst Du die Website Freesound?
Ja, klar.
Da kannst Du Deine Sounds ja sogar \\\"Geotaggen\\\", ihnen also einen konkreten Ort zuweisen. Die fehlende Dokumentation funktioniert für mich ja auf der rein kreativen Ebene. Woran ich dort am meisten interessiert bin, sind die Auflösung und Dekonstruktion der normalen Prozesse des Musikmachens. Das kann z. B. das Konzept von found sounds sein, wo du einfach zwischen dem Sound und seiner Herkunft trennst. Oder du sagst einem Gitarristen, der kein anderes Instrument spielt, er solle Klavier spielen. Er wird sich dem Piano auf eine sehr freie, von Konventionen losgelöste Art und Weise nähern. Als Musiker besitzt er zwar ein geschultes Gehör, aber seine Finger haben die Technik des Klavierspiels nie gelernt. Er wird also auf eine ganz andere Art und Weise spielen. So können sehr interessante Dinge entstehen. Nimm z. B. folgende Situation: Einer meiner Freunde kommt im Studio vorbei, kein Musiker, ein IT-Manager oder ein Anwalt. Er kommt also vorbei, wir sitzen in meinem Studio, und für ihn sieht es dort aus wie im Raumschiff Enterprise. Meistens sind sie begeistert und sagen: \\\"Gib mir einfach mal einen Sound, mit dem ich dann rumspielen kann.\\\" Die Tatsache, dass sie wirklich schlecht sind, produziert meistens eine Idee, die wirklich originell, eigen und zufällig ist. Für mich spiegelt das den kreativen Prozess wider. Neunzig Prozent dessen, was wir schreiben, ist doch Müll. Du wartest auf zehn Prozent Gutes, und das besteht oft aus Fehlern. Für mich ist das eine ziemlich radikale Vorstellung.
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