Die Türen

No Exit Till Riester

12.12.2007, 10:16, Text: Wolfgang Frömberg, Foto: Sibylle Fendt

Die Türen sind auf dem Hosenboden gelandet. Ihr neues Werk heißt 'Popo'. Die Songs triumphieren über die Tücken der Arbeitsgesellschaft. Ironie, Selbstbetrug? Wolfgang Frömberg hat Maurice, Gunther und Ramin bearbeitet.



\"Mommy Daddy / Come and look at me now / I am a big man in a great big town / Years ago who would believe it's true / Goes to show what a little faith can do / I was complaining / I was down in the dumps / I feel so strong now / Cause you pulled me up\"
(Talking Heads 'Pulled Up')


Manche Band hat eine lange Durststrecke hinter sich, schöpft immer wieder neuen Mut - und kommt doch über den Status einer Schnapsidee nicht hinaus. Ähnlich Schlimmes lassen auch Die Türen befürchten. Schon der Bandname klingt wie ein Witz, den sich die Kundschaft an der Theke kurz vorm Morgengrauen ausgedacht hat. Doors-Coverband, oder was? Natürlich wissen inzwischen alle \"Intro-Trendchecker\" (O-Ton Türen) diesseits der Milchstraße, dass Sänger Maurice Summen und Jim Morrison nicht zu verwechseln sind. Auch von den Kollegen Gunther Osburg und Ramin Bijan ist keiner scharf auf Versionen von 'The End' in westfälischem Platt. Die Türen machen was Eigenes. Und haben was geschafft - nämlich, nach ihrer Gründung in Münster Wurzeln in Berlin zu schlagen. Auf dem von Teilen der Band gegründeten Staatsakt-Label erscheint ihr inzwischen drittes Album - das im Prozess zu einer Art Konzeptplatte geraten ist - mit dem stolzen Titel 'Popo'. Es furzt gleich munter los. Aus dem fettarmen Funky-Gerät schallt die Erkenntnis: \"Pause machen geht nicht, Pause machen ist nicht erlaubt, sonst bist du arbeitslos und pleite.\" Ein Merksatz fürs Poesie-Album des Bundesarbeitsministers. Ein Aphorismus, der eine Menge vertragslose Kulturschaffende, denen ihre Prekarität mächtig stinkt, aus dem Häuschen rocken dürfte.

\"Wenn Sport der Bruder der Arbeit ist / Ist die Kunst die Cousine der Arbeitslosigkeit / Denkst du dir / Und packst die Pausenbrote ein / Und die Thermoskanne voll Kaffee / Doch der schmeckt längst nicht mehr so gut / Gut tut nur noch der Sonntag / Und der Formel-1-Pilotenmut\"
(Die Türen 'Pause machen geht nicht')

Wahrlich kein Geheimnis, welcher Weg einer Band mit Formel-1-Pilotenmut blüht, wenn sie einmal Feuer gefangen hat. Entweder sie tourt noch im Greisenalter um die Welt, wie die Stones; sie macht sich vorher mit allen möglichen Mitteln kaputt, wie die Ramones; oder sie löst sich in Wohlgefallen auf, wie die Beatles - bzw. niemand kennt sie, was gar nicht so abwegig ist. Vom Gründer der NDW-Kultformation Die Tödliche Doris, Wolfgang Müller, heißt es, er habe die Gruppe Ende der 80er-Jahre in italienischem Weißwein aufgelöst. Also wie eine Schmerztablette. Ohne ReIssue - und eigentlich sollten neu aufgelegte Platten doch eins der letzten lukrativen Geschäfte am Tonträgermarkt sein! - wollte er im 21. Jahrhundert aber wohl doch nicht dastehen. Müller ließ das längst nicht mehr erhältliche Debütalbum von zwei Dolmetscherinnen in Gebärdensprache übersetzen und als \"Gehörlose Musik\" live aufführen. Der Event erschien als limitierte DVD. Die aufregendste Stelle ist die Pause zwischen A- und B-Seite. Die Performer kehren dem Publikum den Rücken zu. Dann dauert es vom Gefühl her exakt so lang, wie man in der Steinzeit brauchte, die Nadel abzunehmen, die Vinylscheibe zu flippen, den Staub abzuwischen, die Nadel aufzulegen - plötzlich drehen die beiden sich um, und die \"Gehörlose Musik\" spielt wieder. Das ist Kunst.

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aus Intro #156 (Dezember 2007 / Januar 2008)
 
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