The Kids are alright

Die englische Underage-Szene

14.11.2007, 10:30, Text: Christine Franz, Foto: Conversemusic Media Team
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Eigentlich sind die Zeiten, in denen ich wegen meines Alters nicht in Konzerte reingekommen bin, seit zehn Jahren vorbei. Doch jetzt scheinen sie wieder von vorne zu beginnen: Im Mutterland des Pop werden schon eifrig Personalausweise gefälscht und Geburtsdaten rückdatiert. Der Grund: Die strikte Türpolitik der Underage-Szene, des exklusivsten Members Only Clubs, den die Insel je zu bieten hatte. Intro hat sich das Treiben vor Ort angeschaut.


Es ist Samstagnachmittag, vorm Schaufenster des Londoner Pure-Groove-Plattenladens schüttet es aus Kübeln, und ich stöbere im Metallaufsteller mit den Festivalflyern. "Underage Festival, Victoria Park", steht in neonpinken Buchstaben auf einem. Es spielen Patrick Wolf, Mystery Jets, Pigeon Detectives und Blood Red Shoes. Doch damit nicht genug: In ebenso großer Typo sind die Namen der Newcomer-Bands abgedruckt, die hier im Laden im "New Releases"-Regal stehen: Poppy And The Jezebels, Tiny Masters Of Today, Pull In Emergency. Und dann steht da noch: "14s to under 19s only". Das muss man sich mal vorstellen: In England wird radikalisiert: Die Alten sollen von der Jugend nicht mehr nur angepöbelt werden, wie es ja die gute und richtige Tradition von Popmusik ist, sondern müssen gleich draußen bleiben.

Teenage Dreams so hard to beat


Und das ist erst die Spitze des popkulturellen Eisbergs, der gerade die britische Musikszene rammt: Die sogenannte Underage-Szene ist (zumindest) im UK das größte Medienthema seit Manchester Rave, Britpop und vielleicht gar Punk. Nicht nur die Fachmagazine NME und Artrocker Magazine widmen sich dieser Tage ausführlich dem neu entdeckten Teenage-Fame, selbst die Sonntagszeitung Observer stellt das Phänomen mit einer von Teenagern gestalteten Sonderbeilage vor. Untertitel: "Meet the bands and the fans kickstarting a revolution".

Losgetreten hat den ganzen Hype um die Szene der Minderjährigen ein fünfzehnjähriger Teenager aus dem Londoner Süden. Sam Kilcoyne startete im Sommer 2006 mit ein bisschen Hilfe seines Dads Barry 7, einem ehemaligen Mitglied der Noiseband Add N To (X), seine eigene Teenager-Clubnacht. Unter Sams Regie und dem schlichten Banner "Underage Club" stehen seitdem jeden Sonntagnachmittag im Londoner Coronet Theatre Indiegrößen neben ungesignten Teenagerbands auf der Bühne und spielen vor einem strikt minderjährigen Publikum. Mittlerweile hat die Idee im ganzen Land Nachahmer gefunden, und Sam hat sich zu einer Art John Peel der Teenager-Szene etabliert.

Sam ans Telefon zu bekommen ist deshalb auch in etwa so aussichtsreich, als würde man versuchen, Noel Gallagher anzurufen - nur dass der zum aktuellen Geschehen garantiert nicht mehr so viel zu sagen hätte. Ich versuche es trotzdem eineinhalb Stunden lang - zunächst vergeblich. Aber irgendwann wird das Telefon doch noch abgenommen. "Sorry, ich komme gerade erst aus der Schule", entschuldigt sich der Hauptprotagonist dieses ganzen Rummels höflich. Ach ja, richtig, da war ja noch was. Wir haben 20 Minuten, bis die Hausaufgaben rufen. Nahe liegende erste Frage: Wie hat das denn damals alles angefangen? "Auslöser waren The Horrors", erzählt Sam. "Die waren eine Woche lang auf Tour, und ich bin in keines ihrer Konzert reingekommen. Damals hatte von denen noch niemand was gehört, aber ich wollte sie unbedingt sehen, bevor sie zu groß wurden. Ich hab's bestimmt bei sieben Konzerten versucht, aber die Türsteher haben mich jedes Mal wieder weggeschickt: ›Sorry, du darfst nicht rein, du bist noch zu jung.‹"

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aus Intro #155 (November 2007)
 
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