
Land Of Talk
Niemand sagt Fugazi
15.10.2007, 17:14, Text:
Jürgen Dobelmann, Foto: Sandra Steh
Wenn sie doch nur adäquates Schuhwerk fände. Dann müsste Elizabeth Powell nicht mehr sockig auftreten. Beim München-Gig sollten es, so beobachtete Jürgen Dobelmann, die Treter von Mama Valerie, der ersten Alligatoren-Wrestlerin Nord-Amerikas, richten. Mit den Vintage-Slippern (Jahrgang 1965) will die Kanadierin einer Unsitte den Garaus machen: \"Die Leute scheinen völlig vernarrt in meine schuhlosen Füße zu sein - dauernd machen sie Fotos davon!\"
Überhaupt muss einiges anders werden bei Land Of Talk. Zuerst einmal muss das Foto der Mama schleunigst wieder von der MySpace-Seite der Band verschwinden. \"Ich habe irgendwie das Gefühl, diese Alligatoren-Geschichte zieht die alleinige Aufmerksamkeit der Journalisten auf sich\", grollt Elizabeth. Doch auch in der Band herrscht offenbar noch ungestillte Neugier zum Thema Krokodil-Ringen. \"Also, was ich schon immer fragen wollte\", unterbricht Bassist Chris McCarron unvermittelt das Bandgespräch: \"Hat deine Mutter mit den Tieren eigentlich so richtig im Ring gefightet?\" Elizabeth: \"Nein. Natürlich nicht, solche Wettkämpfe gibt es nicht.\" Chris: \"Ach so. Ich glaube allerdings, diesen Eindruck bekommt man, wenn man das so hört.\" Elizabeth: \"Okay. Ich nehm das Bild runter.\"
Das bandinterne Informationsdefizit kommt nicht von ungefähr. Bassist Chris McCarron und Drummer Eric Thibodeau sind erst seit so kurzer Zeit dabei, dass ihnen im offiziellen Bandinfo noch nicht mal ein Nachname zuteil wird. Die zahlreichen vormaligen Gruppenmitglieder fielen v. a. den Konzertreise-Strapazen zum Opfer. Unter den Musikern, deren Qualitäten als \"Road Animals\" (Elizabeth) den Ansprüchen einer international tourenden Alternative-Rockband aus Montreal nicht genügten, war auch Schlagzeuger Bucky Wheaton, der im Mai 2007 seinen Ausstieg bekannt gab und demzufolge noch auf den Stücken des Land-Of-Talk-Debütalbums \"Applause Cheer Boo Hiss\" zu hören ist, das jetzt bei One Little Indian erscheint. Einzig Sängerin, Gitarristin und Songwriterin Elizabeth Powell ist von der Besetzung übrig, die 2005 die sieben Stücke einspielte, die das Gros der zum Quasi-Debütalbum aufgepimpten ehemaligen US-EP ausmachen. Die drei übrigen Songs entstanden im Rahmen einer Session im März dieses Jahres.
Um die Verwirrung zu komplettieren, hat das Trio in der aktuellen Besetzung bereits ein komplettes neues Studioalbum eingespielt, das allerdings erst im Mai 2008 erscheinen wird. In nahezu unmenschlicher Selbstdisziplin gestattet es sich das Trio allerdings vorerst nicht, das neue Material live zu präsentieren. \"Es ist ziemlich hart für uns, die neuen Songs nicht spielen zu können\", hadert Elizabeth, \"aber wir wollen schließlich, dass die Leute, die uns beim Konzert gesehen haben, die Musik dann auch kaufen können und nicht ein halbes Jahr warten müssen.\" So begnügen sich die drei damit, sich die Stücke im Soundcheck gegenseitig unter Ausschluss der Öffentlichkeit zum Besten zu geben. Ab und zu gönnt man sich aber dann dennoch die Integration des Songs \"Summer Lakes\" vom kommenden Album ins aktuelle Supportset, mit dem sich das Trio im Vorprogramm der Decemberists im September erstmals einem kontinentaleuropäischen Publikum präsentierte.
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