Róisín Murphy

Stagediving im Ballkleid

17.10.2007, 10:16, Text: Sonja Eismann, Foto: Claudia Rorarius

Róisín Murphy hat schon immer davon geträumt, die perfekte Disco-Platte zu machen. Dass ihr die Auslegung von Disco auf 'Overpowered' recht eigenwillig gerät, ist mit Blick auf ihre bewusst exzentrisch inszenierte Persona eher beruhigend denn überraschend. Disco steht hier nicht als Genre-Gebäude, sondern ganz solide für das Haus, in dem man tanzt.


\"Was, Eurodance?\" Die spröde Róisín gerät kurz außer Fassung, als ich sie mit dem Hinterteil von Club-Unterhaltung konfrontiere. \"Nein, also ich finde nicht, dass meine Platte nach Eurodance klingt. Klar, Eurodisco, das ist einfach europäische Clubmusik, dadurch fühle ich mich nicht beleidigt, aber nein, ich glaube nicht, dass das in meiner Platte zu finden ist.\" Natürlich nicht. Ein kleiner Testballon, um die kühle Irin aus der Reserve zu locken. Aber was, wenn es doch so wäre? \"Okay, ein Stück wie ›Moviestar‹ ist ein wirklich grundsolider Popsong, mit einem soliden Popfundament und einem soliden Popdach. Aber ...\"

Eben noch in einem strengen High-Design-Fummel beim Fotoshooting, sitzt mir Róisín Murphy nun strictly business in Jeans und weißer Bluse im Berliner Büro der Plattenfirma gegenüber. Mit manikürten Nägeln fummelt sie winzige Salamiwürstchen auf Tomaten- und Käsescheiben und lässt diese schmatzend in ihrem Mund verschwinden. Die roten Fluff-Locken sind einem gebügelten blonden Look gewichen, und es ist einigermaßen schwer, in dieser Atmosphäre von Powerlunch am kilometerlangen Konferenztisch die Dancefloor-Wucht ihres neuen Albums heraufzubeschwören. Die ist aber unbestreitbar da, und vielleicht ist es gerade diese ganz funktionale und trotzdem magische Energie, die an den Breitensound der frühen 90er denken lässt, den die Kinder von damals heute, endlich schamfrei, wieder im Club zelebrieren.

Róisín hingegen ist gut zehn Jahre älter und hat diese Form der revaluierenden Vergangenheitsbewältigung nicht nötig. Stattdessen hat sie sich von einem Mega-Mixtape-Package des altgedienten New Yorker DJs Danny Krivit verzaubern lassen, der ihr auf zehn Tapes Hunderte alter (zumeist) Disco- und Hi-NRG-Stücke geschenkt hat. Ganz oben dabei 'No One Gets The Prize' von Diana Ross und Lenny Williams, 'No Way Back' von Adonis, 'Together Forever' von Exodus und Little Sisters 'You're The One', aber auch Kram von Mantronic, Lisa Stansfield, Robert Palmer, Gwen Guthrie und der Universal Robot Band.



\"Ich wollte schon immer die perfekte Disco-Platte machen. Ich glaube, ich bin dieses Mal ziemlich nah rangekommen. Und wenn es diese Platte dann doch nicht ist, versuche ich es eben bei der nächsten wieder. Schon bei meinem Solodebüt ›Ruby Blue‹, das ich mit Matthew Herbert aufgenommen habe, sagte ich immer zu ihm: ›Na los, komm, wir können auch Disco bringen!‹ Daraus entstand dann das Stück ›If We're In Love‹ - der Rest ging ja eher wieder in eine andere Richtung. Ich habe aber das Gefühl, wenn ich damals schon eine Discoplatte gemacht hätte, wäre die in ein Vakuum gefallen.\" Wie bitte? 2005? Da war die gefeierte erste Metro-Area-Maxi schon sechs Jahre alt, und Madonnas Disco-Abklatsch 'Confessions On A Dancefloor' kam auch gerade mit der üblichen Verspätung um die Ecke. Aber alles eine Frage des Forums: \"Gerade in Großbritannien wurde in den letzten Jahren sehr deutlich, dass Dance Music auf dem absteigenden Ast ist. Als ich mit der Arbeit an dieser Platte begonnen habe, erschien mir diese Ausrichtung daher nicht gerade als die nahe liegendste, vor allem nicht mit Hinblick auf Radio-Airplay. Vermutlich hätte ich eher Avantgarde-Arien singen oder eine Rockband gründen sollen, haha ... Jetzt fühlt sich die Situation zum Glück aber schon wieder besser an.\"


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aus Intro #155 (November 2007)
 
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