Jens Lekman

It's autumn in Gothenburg

29.10.2007, 09:45, Text: Mario Lasar, Foto: Katharina Poblotzki

Jens Lekman personifiziert nicht nur sehr anschaulich die Widersprüchlichkeit des modernen Menschen zwischen Selbstzweifeln und Narzissmus, Nähe und Distanz, er schreibt auch noch schöne Lieder darüber. Seit Jonathan Richman in den 70ern den Begriff \"Suburb\" in die Poplyrik einführte und Morrissey in den 80ern Joan Of Arc mit einem Hörgerät ausstattete, haben weder die Welt noch Mario Lasar eine überzeugendere Inkarnation des romantischen Anti-Helden erlebt.


Ich bin mit Jens Lekman am Göteborger Hauptbahnhof im Café Ritazza verabredet. Eine gute Wahl, wie sich herausstellt, denn der Raum hat die Ausmaße einer Halle und ist um diese Zeit, am frühen Abend, kaum frequentiert. Jens' leicht geisterhafte Erscheinung bewegt sich langsam auf mich zu: Er trägt einen grauen Secondhand-Nadelstreifenanzug, eine schwarze Strickjacke und darunter ein weinrotes Hemd; auf die Schuhe habe ich nicht geachtet. Er bestellt sich einen Kaffee, um wach zu werden - das Interview findet während einer kurzen Unterbrechung einer längeren Tournee statt, die ihn unter anderem auch nach Moskau führt.

Soeben ist \"Night Falls Over Kortedala\", Lekmans zweites reguläres Album, erschienen, das in Schweden auf Platz eins in die Charts eingestiegen ist. Um für etwaige Autogrammwünsche gewappnet zu sein, trägt er deswegen jetzt stets einen schwarzen Filzstift bei sich. Das ist so abwegig nicht, denn Jens Lekman hat das Zeug zum Star. Was seine Musik angeht, ist ihm sehr daran gelegen, dass sie möglichst einfach und natürlich klingt. Dabei versteht es sich, dass die Songs mit formalen Twists angereichert werden, die eine unverwechselbare Besonderheit erzeugen, welche sich in Form geschickt eingesetzter Samples von alten Soul-, Easy-Listening- oder Bossa-Nova-Platten konkretisiert (dazu später mehr).

Lekmans Musik kommt allerdings erst in Kombination mit den bei ihm ganz zentralen Texten zur vollen Entfaltung. Sie leben von dem Widerspruch (schon wieder), dass sich ein Nerd dazu durchgerungen hat, sein Privatuniversum mit der Außenwelt zu konfrontieren. Auf diese Weise entstehen absurde Texte, die einerseits wie kaum verklausulierte Tagebucheintragungen anmuten. Andererseits formuliert sich in der Zuspitzung von Wirklichkeit schon wieder eine fiktiv scheinende Gegenwelt. Den Höhepunkt in dieser Hinsicht bildet \"A Postcard To Nina\" (ein formal an den Text zu Leonard Cohens \"Famous Blue Raincoat\" angelehntes Stück), in dem der Protagonist von der Titelfigur dazu gedrängt wird, die Rolle ihres Lebensgefährten zu spielen, damit ihre Eltern nicht merken, dass sie in Wahrheit lesbisch ist. \"Es geschehen einfach seltsame Dinge in meinem Leben\", sagt Lekman. \"Manchmal fühle ich mich fast schuldig, meinen Namen als Urheber anzugeben, denn es kommt mir so vor, als schrieben die Songs sich von selbst. Nach dem Essen mit Ninas Familie war mir sofort klar, dass ich einen neuen Song erlebt habe.\"

Symptomatisch für seine Kunst, bleibt die Trennlinie zwischen Wirklichkeit und Fiktion dabei durchlässig, denn \"ich bin oft nicht sicher, ob etwas tatsächlich passiert ist oder nicht\", sagt Jens und führt als Beispiel den Song \"Silvia\" von seinem ersten Album an. Darin wird beschrieben, wie der junge Jens Lekman die schwedische Königin trifft. \"Ich glaubte wirklich, dass es sich so zugetragen hätte, aber dann rief mich meine Mutter an und meinte, wie ich denn so lügen könne, natürlich hätte ich sie nie getroffen.\" Wer sich in dieser Art Zustand befindet, hat alles Recht, \"A Little Lost\" von Arthur Russell zu covern. Zumal der ihm sehr viel bedeutet: \"Wenn ich Musik höre, sehe ich oft nur Tonleitern und mathematische Codes vor mir, aber bei Arthur Russell verschwindet all das.\" Veröffentlicht wurde das Stück auf der EP \"Four Songs By Arthur Russell\", an der außer Lekmann auch Verity Susman von Electrelane und Joel Gibb von Hidden Cameras beteiligt sind.

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aus Intro #155 (November 2007)
 
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