Jahcoozi

Politik ohne Parolen

12.10.2007, 13:40, Text: arno raffeiner, Foto: Arne Sattler

Sri Lanka, London, Tel Aviv, Berlin. Wenn man Sasha Perera, Oren Gerlitz und Robert \"Robot\" Koch bei einem verspäteten Frühstück in Berlin-Mitte so vor sich sitzen hat, muss man fast daran glauben, dass das positive Vorurteil vom Schmelztiegel Berlin wieder mal Realität geworden ist. Mit seinem Booty-Dancehall-HipHop-Mix zelebriert das sri-lankisch/englisch/israelisch/deutsche Trio Jahcoozi die musikalische Völkerverständigung und rüttelt nebenbei ganz schön heftig am Mythos der hegemonialen Monokultur Minimal Techno.


Perera als schillernde Bandleaderin, Gerlitz an Bass und Keyboards und Beat-Bastler Koch sind drauf und dran, ihre Heimatstadt Berlin neu auf der Landkarte elektronischer Musik einzutragen. Und zwar ungefähr da, wo bei Modeselektor noch eine Ecke HipHop fehlt und Timbaland das entscheidende Quäntchen Roughness abgeht. Nicht ohne Grund evoziert Jahcoozis Bandname das Bild eines Whirlpools der Stile. Das 2005 bei Kitty-Yo erschienene Debütalbum \"Pure Breed Mongrel\" darf wirklich als reinrassiger Bastard gelten, da die miteinander verquirlten Einflüsse und Genres eben doch einen erkennbaren Jahcoozi-Sound abgeben: hektisch, polyvalent, aber immer bouncend wie Hölle.

Angesichts von Sasha Pereras sri-lankischer Abstammung und einiger gemeinsamer musikalischer Einflüsse von Ragga bis Grime ließen die Vergleiche zu M.I.A. natürlich nicht lange auf sich warten. Inzwischen werden sie vom Trio routiniert mit offensiven Gegenfragen pariert: \"Findest du wirklich, dass es so ähnlich ist?\" kontert Perera. \"Wir haben doch total unterschiedliche Stimmen, und die Produktion ist komplett anders!\" Auch Robert Koch sieht, \"abgesehen von der Tatsache, dass die beiden in London geborene Sri-Lankis und Frontfrauen einer Band sind, die mit elektronischer Musik zu tun hat\", keine weiteren Gemeinsamkeiten.
Und spätestens bei \"Blitz'n'Ass\", Jahcoozis Album Nummer zwei, muss man ihnen recht geben - nicht nur in ästhetischer Hinsicht, sondern vor allem auch, was die inhaltliche Ebene betrifft. Während M.I.A. mit Bombenlyrics und Terrorsymbolen provoziert, macht es sich Sasha als Halb-Tamilin und Halb-Singhalesin mit einseitiger Parteinahme oder dem Abfeuern allzu eindeutiger Parolen nicht ganz so einfach: \"Ich denke, meine Texte sind ziemlich politisch, aber nicht in einem direkten Sinn. Wenn du über soziale Dinge redest, dann ist das doch politisch! Es geht um die Gesellschaft, nicht mehr und nicht weniger. Ein Freund meinte zu mir, ich wäre geradezu besessen von Themen wie Rassismus, Klasse, Geschlecht, Gender. Aber das sind genau die Dinge, mit denen sich alle jeden Tag auseinandersetzen müssen. Und ich singe eben darüber.\" Eine so bescheidene wie wahrhaftige Selbsteinschätzung. Da bleibt nur noch zu ergänzen, dass die Grime-Politics wohl nie zuvor so tongue in cheek waren wie bei Jahcoozi - und so groovy.

Wir verlosen 5 x die aktuelle Jahcoozi-CD 'Blitz'n'Ass'.
Schickt Eure E-Mails mit vollständiger Adresse an verlosung@intro.de.



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aus Intro #155 (November 2007)
 
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