
Supermayer
Die Taschen voller Kryptonit
20.09.2007, 10:00, Text:
Sebastian Ingenhoff, Foto: Majid Moussavi
Zehn Jahre nach Forever Sweet gibt es die nächste Kompakt'sche Superboygroup. Die Labelstars der Nullerjahre Superpitcher und Michael Mayer haben fusioniert und veröffentlichen ihr bereits länger annonciertes Album \\\"Supermayer Save The World\\\". Auf dem Cover sieht man die beiden ganz unprätentiös als Comic-Helden gezeichnet, bereit, sowohl Pop als auch Techno zu retten.
Natürlich werden Besserwisser jetzt einwenden, dass Forever Sweet damals vorwiegend auf dem L'Age-D'Or-Electro-Ableger Ladomat veröffentlicht haben und nicht auf dem Kölner Über-Pop-Techno-Label Kompakt. Nichtsdestotrotz war die aus Tobias Thomas, Michael Mayer und Reinhard Voigt bestehende Boyband untrennbar mit Kompakt verknüpft. Mayer und Thomas betrieben in dem nachtschwarzen, an sich unspektakulären Kellerloch Studio 672 die sagenumwobene Partyreihe \\\"Total Confusion\\\". Später stieß noch Aksel Schaufler (alias Superpitcher) hinzu. Freitag für Freitag wurden hier regelmäßig die schärfsten Platten auf die Teller geknallt und wie von Sinnen gemixt. An die Abende selbst konnte sich der Besucher schon am nächsten Tag nicht mehr wirklich erinnern.
Das Studio muss man sich vorstellen als einen riesigen Schmelztiegel aus schweißnassen Körpern, schnellem Sex, revolutionärer Musik und all dem, was sonst zu einem sensationellen Abend gehört. Selbst der ansonsten überzeugte Ex-Kölner Jens Friebe wird in seinem Buch \\\"52 Wochenenden\\\" beim Gedanken an die legendären Studioabende noch einmal schwelgerisch: \\\"Es ist, als besuchte ich ein mir aus der Kindheit als verwunschen und riesig in Erinnerung gebliebenes Kaufhaus. ›Hier‹, wundere ich mich, ›haben die besten DJs der Stadt unsere mahlenden Kiefer und übersteuerten, einander in die Ohren gebrüllten Gedanken begleitet? Hier schien uns immer wieder der so frisch und durstlöschend aussehende Gin-Tonic das beste Mittel gegen unsere ausgetrockneten Münder zu sein? Hier schrieb ich einen Songtext und schickte ihn in acht 160-Zeichen-Portionen an alle, die nicht dabei sein konnten? In diesem normalen Lokal?‹\\\"
Unterdessen goss hinter der Kanzel die Troika Mayer, Thomas und Superpitcher eifrig Öl in Form von Platten ins Feuer. Auf der Tanzfläche löschten tausend schöne Tänzer ihren Brand mit unendlich vielen Drinks und nassen Zungenküssen.
Techno 04 & 07 - die Bright Eyes treffen Paul Van Dyk
2004 hatten Michael Mayer und Superpitcher dann ihr großes Jahr. Beide veröffentlichten die ersten eigenen Alben auf Kompakt. Auf Superpitchers \\\"Here Comes Love\\\" konnte sich vom Indiepop-Connaisseur bis zum Technopuristen jeder einigen. Das Album war ein Meisterwerk somnambulen Electropops. Schmissig, melodiös und streckenweise ziemlich kontemplativ. Das im Duett mit Charlotte Roche gesungene Françoise-Hardy-Cover \\\"Träume\\\" sorgt auch heute noch für Gänsehaut. Michaels Album \\\"Touch\\\" war das elegante Technoalbum, das sich nahtlos in seine DJ-Sets respektive Mix-CDs einfügte. Entschlackt, aber nicht zu minimal. Eher cluborientiert, weniger am großen Pop.
Einige Zeit später fingen die beiden an, unter dem Projektnamen Supermayer erste Remixe zu produzieren, zum Beispiel für LoSouls Minimalhouse-Hit \\\"You Know\\\". Irgendwann war klar, dass es ein Supermayer-Album geben würde. Hierfür haben die beiden den absolut richtigen Zeitpunkt ausgewählt, denn 2007 ist ein ziemlich gutes Jahr für Techno im Allgemeinen und Kompakt im Besonderen. So zeigt bereits die aktuelle Kompilation \\\"Total 8\\\", warum das Label zu den renommiertesten Technofirmen der Welt gehört. Jürgen Paapes \\\"We Love\\\", mit Superpitcher am Gesang, ist der verspätete Sommerclubhit schlechthin. Auch die an Blumfelds \\\"Verstärker\\\" orientierte Michael-Mayer/Tobias-Thomas-Kollaboration \\\"Über Wiesen\\\" zeigt, wohin es gehen soll. Instrumente statt Plug-ins und Presets. Das Stück gehört zu den wärmsten und euphorisierendsten Clubtracks, die ich in diesem Jahr gehört habe. Für Michael und Aksel sind die Zeiten, in denen jeder, der einen Computer hochfahren kann, einen vorgegebenen Plastik-Loop als Track verkaufen darf, definitiv vorbei. Die zwei haben auf \\\"Supermayer Save The World\\\" fast ausschließlich mit sogenannten echten Instrumenten gearbeitet.
Superpitcher: \\\"Eigentlich haben wir das ja schon immer gemacht. Aber klar, die Idee war schon, keinen Clackertechno zu machen. Sondern etwas, das sehr organisch klingt. Das mit den Instrumenten war nicht krampfhaft geplant, es war nur schön, die Möglichkeit zu haben, mit Instrumenten wie mit Samples arbeiten zu können. Als wir gemerkt haben, dass das funktioniert, auf Plug-ins, Presets und so was zu verzichten, das war schon eine unglaubliche Befreiung. Das Schlimmste am Musikmachen ist ja, so Presets durchzusteppen, hundert verschiedene vorgegebene Sounds. Das ist sehr seelenarm.\\\"
Tatsächlich klingen die Stücke allesamt sehr organisch. \\\"The Art Of Letting Go\\\" beispielsweise ist klassischer Disco, sexy und unbeschwert, und erinnert ziemlich stark an das, was man in den letzten Jahren so sehr an Labels wie DFA oder Gomma geliebt hat. Das harmonische \\\"Please Sunrise\\\" verströmt einen fast Lindstrøm-artigen Esprit. Es gibt auch ein Chanson auf der Platte namens \\\"The Lonesome King\\\", gesungen von Aksel, das mich beim ersten Hören an das wunderbar schmusige \\\"Nothing Matters When We Are Dancing\\\" von den Magnetic Fields erinnert hat. Das Album ist die erhoffte Melange aus Pop und Club, aus Super und Mayer. Die Einflüsse beider reichen weit über die gängigen Spielarten elektronischer Musik hinaus.
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