
Kilians
Leben ohne Plattenläden
08.10.2007, 12:00, Text:
Christian Steinbrink, Foto: Markus Hoffmann
[4 Kommentare]
Fotostrecke:Kilians
\"Echt - ihr habt hier auch geprobt?\" Die Kids in Metal-T-Shirts und abgeschnittenen Jeans kriegen sich kaum ein. Wir sind in Dinslaken, Industriegebiet, Middle of nowhere und besonders weit weg von jeglichem popkulturellen Glam. Hausbesuch bei einer Band, deren Mitglieder kaum älter sind als die in diesem Betonbunker eingepferchten Nachwuchsmosher, die es aber aus dem Blickwinkel der Jugend, die rauchend auf den Stufen vor dem Eingang lungert, geschafft hat. The Kilians sind fünf Jungs und kommen aus dieser Stadt, und sie sind mittlerweile im Blickfeld vieler, die sich für Rockmusik interessieren. In Dinslaken sind sie allein dadurch schon Stars.
Startpunkt: Bahnhofskneipe
Wir haben uns verabredet, um die Spuren nachzuvollziehen, die man als Band mit glasklarer Provinzherkunft hinterlässt. Sänger Simon und Bassist Gordian holen den Fotografen und mich am Bahnhof ab, um uns die neuralgischen Punkte der Bandentwicklung zu zeigen. Der erste ist gleich nebenan: das Café Lukkas, eine nicht besonders ansehnliche Bahnhofskneipe. \"Wir kennen eine Frau, die dort arbeitet, deshalb durften wir dort spielen\", erzählt Simon. Bestimmt nicht die attraktivste Location, aber wenn man aus Dinslaken kommt, darf man nicht wählerisch sein. \"Auf die meisten unserer Konzertanfragen kam nie eine Antwort, und auch bei den wenigen Bühnen vor Ort ist es oft problematisch, einen Gig zu bekommen, wenn du keine bekannte Booking-Agentur im Rücken hast\", erzählt der 20-Jährige eine Geschichte, wie sie viele Nachwuchsbands nur zu gut kennen.
Heute sind die Kilians davon nicht mehr betroffen. Dass dem so ist, begann mit einem Interview. Simon: \"Ein Freund von uns hat mal ein Interview mit Tomte geführt. Er hatte unser Demo dabei und gab es Thees Uhlmann. Dem hat es gefallen, und er rief kurz darauf an und fragte, ob wir Tomte auf ihrer nächsten Tour supporten wollen. Wir wussten da noch gar nicht, wer Tomte eigentlich sind.\" Eine deutsche Rockband, die Tomte nicht kennt? Kaum vorzustellen. Um das zu verstehen, muss man sich klarmachen, wie wenig Orte wie Dinslaken von der Distinktion geprägt sind, die in Hamburg oder Berlin allgegenwärtig ist. \"Den Konzertbesuchern hier ist es in der Regel egal, ob eine Band Indie, Heavy Metal oder Punk spielt. Sie sollte bloß rocken, und der Eintritt sollte so günstig sein, dass das Geld reicht, um sich noch einen anzusaufen\", beschreibt Gordian das lokale Ausgehverhalten. Hier schielt kaum jemand auf Düsseldorf oder Köln, die nächsten größeren Städte und die Codes der Indie-Schickeria bedeuten hier gar nichts.
Was es bedeutet, es aus dieser von Hypes ausgeschlossenen Gegend heraus zu etwas zu bringen, erfahren wir erst richtig, als wir am bereits eingeführten Proberaum der Kilians aufschlagen. Als die Kids die beiden Bandmitglieder, begleitet von der Presse, auf sich zukommen sehen, fahren sie nervös aus ihren lässigen Posen auf. Man unterhält sich kurz und möglichst cool, die Kilians müssen Report erstatten über die letzten Entwicklungen, scheinbar weiß jeder genau über die große Band aus der Heimat Bescheid. Dann werden wir eingelassen. Der alte Proberaum ist gefühlte sieben qm groß und hat eine tiefe Decke. Am Türrahmen stehen noch alte Notizen der Kilians - und die bisher noch namenlose Band, die den Proberaum übernommen hat, empfindet ihr Zuhause auf einmal auf eine ganz besondere Art veredelt.
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SuperTeng 09.10.2007 | 08:52:12
"Hier schielt kaum jemand auf Düsseldorf oder Köln,..." stimmt denn zwischen zwischen Köln/ Düsseldorf und Dinslaken liegt ja auch "nur" das Ruhrgebiet
mareiko 21.10.2007 | 21:13:31
mensch, es gibt leute, die leben in der "provinz" und machen trotzdem musik? verrückt!
HalloSpencer 05.11.2007 | 21:54:14
eigentlich sitzen wir arbeitslosen Steiger in Dinslaken nur in schäbigen Kneipen rum, und wissen nichts mit unserer gescheiterten Existenz anzufangen. Vielleicht basteln wir mal einen Hochofen, denn den gibt es noch nicht!
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