
Norwegianismus
Goldgräberstimmung im Norden
13.09.2007, 18:21, Text:
Felix Klopotek
Die Labels Rune Grammofon und Smalltown Supersound sind nur die Speerspitze eines Booms, der eigentlich keiner ist - zumindest an den großen Maßstäben von Pop gemessen. Und doch ist er ein viel beachteter. Dank einer weit zurückreichenden Jazzgeschichte und gut gefüllter Kulturförderungskassen lebt der experimentelle Jazz in Skandinavien wie derzeit nirgendwo. Und speziell Norwegen ist ganz vorne. Sagt unser Autor Felix Klopotek. Und der muss es wissen.
Vor zehn Jahren hätten Pop-Connaisseure sich noch das Maul zerrissen: \\"Anmaßende Ästhetisierung\\" hätten sie konstatiert und von \\"geschmäcklerischer Dekontextualisierung\\" geschrieben. Susanna Wallumrød hat letztes Jahr ein Album veröffentlicht, das ausschließlich Cover-Versionen großer Popsongs enthält: etwa \\"It's A Long Way To The Top\\" von AC/DC, \\"Condition Of The Heart\\" von Prince oder Joy Divisions \\"Love Will Tear Us Apart\\". Die 27-jährige Susanna (als Musikerin nennt sie sich nur nach ihrem Vornamen) spielt diese sehr heterogenen Songs in einem Sound - ruhig, minimalistisch und gedehnt, nicht auf Wiedererkennung angelegt. Der AC/DC-Hardrock-Klopper wird von ihr schmachtend, schon mit einem Schuss Resignation in der Stimme vorgetragen, begleitet allein von einem Cembalo. Susanna entdeckt diese Songs als kulturelle Artefakte, losgelöst von ihrem Ursprung, ihrer Zeit, ihrer Szene. Es sind Kunstlieder: Pop, der konsequent als Anti-Pop inszeniert wird. In Ländern, in denen es starke Pop-Traditionen gibt, wäre das vor gar nicht so langer Zeit auf Ablehnung gestoßen. Darf man mit Pop so weltabgewandt umgehen?
Susanna Wallumrød kommt aus Norwegen, einem reichen Land, groß, dünn besiedelt, an der europäischen Peripherie gelegen. Es ist nicht bekannt, dass Norwegen irgendwas zur Pop-Geschichte beigesteuert hätte. Zugespitzt gesagt: Es gibt dort keine Pop-Szenen! Die Unbefangenheit, mit der sich Susanna dem Material nähert - sie prägt auch ihr neues, wieder sehr getragenes und minimales Album \\"Sonata Mix Dwarf Cosmos\\" -, gälte in Deutschland, den USA oder England als Exzentrik. In Norwegen steht sie im Zentrum des musikalischen Geschehens.
Weil die großen Traditionslinien des Pop aber längst kollabieren, verwischen und sogar verschwinden, ist das Klima in den USA oder in Deutschland günstig für norwegische MusikerInnen wie Susanna. Sehr günstig, wie zahlreiche Touren, frenetische Kritiken und eine aufgeschlossene Vertriebspolitik zeigen. Susanna ist exemplarisch - für ein Land ohne Pop-Tradition, in dem die Musiker, die sich Pop, welcher Spielart auch immer, nähern, aus ihrem Abseits heraus aufregende Projekte realisieren.
Oder nehmen wir die Cato Salsa Experience: eine absolut durchschnittliche Garagenrockband. Sie fügen den Standards, wie sie Jon Spencer einst setzte, nichts hinzu. Cato Salsa tun aber etwas, was Jon Spencer in seinen Albträumen nicht einfiele: Sie treten mit der schwedisch-norwegischen Free-Jazz-Band The Thing (derzeit die aufregendste, weil explosivste Gruppe der freien Improvisation) auf, covern mit ihnen Led Zeppelin und die Yeah Yeah Yeahs. Und siehe da: Die braven Osloer Garagenrocker klingen charmant, brutal, frisch.
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