Norwegischer Black Metal

Als die Kirchen brannten

23.09.2007, 15:43, Text: Felix Scharlau

Anfang der 1990er in Norwegen. Einige Musiker der sogenannten \\\\\"zweiten Welle\\\\\" des Black Metal beginnen zu morden, zahlreiche Kirchen brennen. Beides nicht gerade selten im Namen Satans. Die Schlagzeilen über die Taten bilden zusammen mit den wegweisenden Alben jener Zeit ein bis heute unumstößliches und unheimliches Trademark für das bevölkerungskleine Land. Norwegen, wie lebst du 15 Jahre später mit dem Erbe?


Metal und Inszenierung gehen bekanntlich seit jeher Hand in Hand. Das Spiel mit Maskeraden, Fantastereien und Schockeffekten ist genrespezifisches Must - und Musiker wie Fans leben das in der Regel vollkommen reflektiert aus. \\\\\"It's just art\\\\\", ließ zum Beispiel Slayers Tom Araya, angesprochen auf den Widerspruch zwischen der satanistischen Symbolik, der sich seine Band seit jeher bedient, und seinem Leben als Katholik, einst wissen. Na also, möchte man meinen: Metal verlässt seine bürgerliche Wohnstube nie wirklich.

Von wegen. Norwegens Black Metal der \\\\\"zweiten Welle\\\\\" verabschiedete sich zu Beginn der 1990er-Jahre ohne Vorwarnung aus diesem Metal-Generationenvertrag. Plötzlich widmeten sich etliche Musiker dem Kampf gegen Staat, Christentum, Mitbürger - oder sich selbst. Am morbidesten einige Mitglieder der Osloer Band Mayhem. Eine Serie von Morden, Selbstmorden und Kirchenverbrennungen überzog in der Hochphase zwischen 1991 und 1994 das Land. Die Folge war noch mehr internationale Aufmerksamkeit für Norwegens gerade aufblühende Black-Metal-Szene, eine geschockte norwegische Öffentlichkeit und zahlreiche Mythen, die sich seither um viele der zum Teil noch aktiven Protagonisten der Szene ranken. Allen voran um den wegen Mordes inhaftierten Musiker Varg Vikernes, der als der \\\\\"norwegische Charles Manson\\\\\" gilt. Aber warum eigentlich ausgerechnet Norwegen? Heidnische Tradition? Lange Winter? Bierpreise? INTRO hat einen, der das wissen könnte, in Oslo getroffen: Didrik Søderlind, Ko-Autor des Buches 'Lords Of Chaos', nebenbei auch Spezialist für Satanismus.

\\\\\"Warum Norwegen? Das ist schwer zu beantworten\\\\\", überlegt Søderlind in einem Café auf dem Trondheimsveien ziemlich lange. \\\\\"Es gibt da eine Theorie, dass all das daher rührt, dass sich im Norwegen der 1970er-Jahre eine pädagogische Strömung durchgesetzt hatte, wonach alles Groteske oder Beängstigende von Kindern fernzuhalten sei. Vor dem Hintergrund lässt sich Black Metal auch als Rebellion gegen die sozialdemokratische Politik der 70er-Jahre, vor allem aber auch gegen die von ihr massiv propagierte Gleichheit lesen. Letzteres vor allem deshalb, weil das Gleichheitsprinzip in Norwegen lange mit der Maxime des Gleich-Seins im Sinne von nicht-mehr-abweichen-sollen verwechselt wurde. Übrigens generell ein großes Problem Norwegens.\\\\\"

Radikalität als Schockmoment und Ausbruch aus der Normalität also. Ein Ansatz, der logisch erscheint, aber das Phänomen nicht ausreichend erklärt. Wahrscheinlich auch deshalb, weil es das Phänomen Black Metal in Norwegen nie gab. Denn trotz Networking und erwiesenem künstlerischen Austausch unter späteren Tätern aus der Black-Metal-Szene: Der lange vermutete \\\\\"Inner Circle\\\\\", der Anfang der 90er zentral Aktionen - satanistische noch dazu - gesteuert habe, ist offenbar nur ein Mythos. Die bis auf einige Kirchenverbrennungen fast ausnahmslos aufgeklärten Einzeltaten bilden so ein Mosaik aus individuell äußerst unterschiedlichen Antrieben: Misanthropie, Satanismus, Rebellion, Trittbrettfahrer-Mentalität, Psychosen und Nationalismus.

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aus Intro #154 (Oktober 2007)
 
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