Devendra Banhart

Ein amerikanisches Experiment

11.09.2007, 10:00, Text: Heiko Behr, Foto: Heiko Behr

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Es ist noch gar nicht so lange her, da spielte Devendra Banhart auf seiner ersten Deutschlandtournee solo vor 30 Leuten in Bars. Im Publikum die üblichen Hipster-Verdächtigen und Künstlerkollegen - u. a. gilt Maximilian Hecker als großer Fan. Spätestens mit \"Cripple Crow\", dem letzten Album, war der Geheimtipp nicht mehr geheim unterwegs und zudem mit Kollektiv an der Seite. Das neue Album heißt \"Smokey Rolls Down Thunder Canyon\", hat ihm das Management von Neil Young beschert und Heiko Behr einen Trip nach Los Angeles, in die Berghütte von Banhart. Das hier erlebte er.

Flug, zum ersten

Genau fünfzehn Minuten dauert es, dann zerplatzt meine Seifenblase. So lange darf ich in der ersten Klasse sitzen auf meinem Flug nach Los Angeles. \"Äh, geht hier alles mit rechten Dingen zu?\" signalisiere ich hilflos fragend der Stewardess. Doch als sie gutmütig nickt, fläze ich mich zufrieden im Sessel. Um mich herum teuer gewandete Menschen, die sich gelangweilt durch die New York Times blättern. Ich bestelle irre kichernd einen Sekt, proste wildfremden Menschen zu und blättere weltmännisch im Bordmagazin. Upgrade, das magische Wort, das man immer nur von anderen hört, es scheint heute meins. Doch dann kommt es, wie es kommen muss. In Form eines kleinen Jungen, der stumm auf sein Ticket und meinen Platz weist. War ja klar. Als die Stewardess heraneilt, ist mein kleinbürgerlicher Traum zu Ende. Alles ein Missverständnis. Huschhusch, dorthin zurück, wo du hingehörst. Geknickt zwänge ich mich in die Economy Class.


Eine Fahrt nach nirgendwo

Der nächste Tag. Ich sitze im Taxi, irgendwo in Malibu. \"Kann ich noch mal den Zettel sehen?\" fragt mich der Taxifahrer. Ich nicke und reiche ihm zum dritten Mal die Anschrift von Devendra Banhart. Er telefoniert daraufhin in einer mir komplett unbekannten Sprache und wiederholt dabei immer wieder \"Topanga\" und die Adresse. Aha, Topanga scheint hier doch nicht so geläufig zu sein, wie man annehmen könnte. Dabei ist Topanga - also die bergige Gegend im westlichen Los Angeles County, genauer: Malibu - eine mythisch unheimlich aufgeladene Gegend: Schon in den 20er-Jahren flohen die Stars aus Hollywood hierhin, und in den 60er-Jahren galt Topanga als Bohemian-Hang-out. Nur 25 Minuten von Hollywood entfernt, versammelte sich hier die Gegenkultur. Die Gegend ist nur durch eine einzige Straße erreichbar, die sich durch die Berge schlängelt. Schnell wird es einsam.
Entnervt schmeißt mich der Taxifahrer aus dem Auto - er findet die Hausnummer nicht. Auch eine Nachbarin hat keine Ahnung, wo ich die Adresse finden kann. Dabei wohnt sie - wie sich herausstellt - direkt gegenüber. Das Holzhaus, in das sich Devendra Banhart eingemietet hat, liegt - das sei zu ihrer Entschuldigung gesagt - versteckt hinter Bäumen. Es ist still, total still. Ich stehe auf der hölzernen Veranda und sehe mich um: Bäume, Berge, Bäume, Berge. Auf einem runden Holztisch thront eine alte Schreibmaschine, über der Tür hängt nonchalant ein Gewehr. Ein Gefühl der totalen Abgeschiedenheit, der Weltabgewandtheit stellt sich ein. Ganz so wie erwartet. Die Puzzlestücke meiner Erwartungshaltung greifen also ineinander.

FKK-Interview im Jim Morrison Haus

Devendra Banhart ist einer dieser mittlerweile selten gewordenen Künstler, die ein komplettes Assoziations- und Erklärungsraster auslösen, allein aufgrund der äußeren Erscheinung: lange, filzige Haare, Zauselbart, bunt gekleidet. Ein Spät-Hippie, denkt man. Dass er sich dann für eine Fotostrecke der New York Times auch mal Frauenkleider überstreift, wird schnell eingemeindet in das Bild.
Und plötzlich steht dieses Bild vor mir und begrüßt mich verhalten. Er trägt eine enge dunkle Hose, dazu ein weißes, offenes Hemd mit roten Fransen, keine Schuhe. Seine Haare hat er zusammengesteckt, an seinen Fingern glänzen übermäßig viele Ringe. \"Puh, ist das heiß, ich zieh mir mal eben die Hose und das Hemd aus\", sagt er und verschwindet schon wieder im Haus. Einige Kumpels, Bandmitglieder und die Vertreterin von XL Recordings, die einzeln aus dem Haus kommen, kommentieren die Szene: \"So läuft das immer: Devendra macht seine Interviews nackt. Übrigens musst du dich jetzt auch ausziehen. So läuft das eben hier in unserer Kommune.\" Es wird nicht das einzige Mal bleiben, dass mit mir gespielt wird.
Im Haus angekommen, setze ich mich auf ein rotes Sofa und betrachte den Tisch. Drei Bücher liegen hier verstreut: ein opulenter Bildband namens \"Heaven & Earth. Unseen By The Naked Eye\", ein Yoga-Handbuch und, absurd, \"Everything You Ever Wanted To Know About Water Colors\". Weitere Puzzlestücke. Und es sollen gleich noch mehr dazukommen. \"Weißt du eigentlich, auf was für einer Couch du da sitzt?! Die hat Jim Morrison gekauft und darauf gepennt\", ruft mir Devendra von der Treppe aus zu und winkt mich in den ersten Stock. \"Angeblich hat der Doors-Typ damals seiner Freundin dieses Haus gekauft; und sein Schlagzeuger wohnte hier nebenan.\"
Gesichert ist die Tatsache, dass Neil Young hier im Frühling 1970 Teile seines unkaputtbaren Klassikeralbums \"After The Goldrush\" aufgenommen hat. In diesem pophistorisch wichtigen Örtchen hat sich Devendra also auch noch auf ein legendäres Haus gestürzt - und es macht Sinn, teilt er sich doch mittlerweile das Management mit Neil.

Glaubst du daran, dass es eine Verbindung zur Geschichte dieses Hauses gibt? Wolltest du dich bewusst eingliedern?
Oh ja, schau mal auf den Türrahmen. Da stehen alle Geister dieses Hauses verewigt. [In unterschiedlichen Handschriften stehen hier tatsächlich fein säuberlich mir unbekannte Namen verewigt.]
Was sind das für Leute?
[grinsend] Das ist die Ahnengalerie aller Haustiere, die hier jemals gestorben sind.

Nein, so leicht kriege ich ihn nicht. Devendra Banhart ist sich seines Rufes durchaus bewusst. Wann immer sich ein Artikel mit ihm beschäftigt, fällt das \"Hippie\"-Fallbeil. Dazu wird ständig von Freakfolk, Weird Folk, New Americana und Ähnlichem geplappert. Ich frage ihn, ob er nachvollziehen könne, warum er in die Post-Hippie-Schublade gesteckt wird. Mittlerweile hat Devendra auf einem Schemel Platz genommen, er bemalt ein Tuch mit Wasserfarben. Erst stöhnt er, dann atmet er hörbar aus und legt los: \"Was meinen die Leute eigentlich immer mit Hippies? Also, ich weiß gar nicht, was man sich darunter vorstellen soll. Was habe ich damit zu tun? Was verbinden die Leute eigentlich mit Hippies? Die 60er? Flower Power? Und was ist mit den Black Panthers, die gehörten doch im Grunde auch dazu. Geht es allen Ernstes nur um lange Haare und Bärte? Auch heute gibt es noch Festivals, die seit Jahrzehnten diese restaurative Folk-Musik feiern. Aber da kenne ich mich überhaupt nicht aus.\" Diesen letzten Satz sagt er gern. Was für ein Quatsch: Devendra Banhart hat ein geradezu lexikalisches Wissen über, äh, alles. Das reicht von indischer Mythologie, den Mayas über brasilianischen Anti-Folk, Kalifornien bis hin zu, ja, tatsächlich, Jesus.

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aus Intro #154 (Oktober 2007)
 
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