Future Dance City

Berlin

15.08.2007, 17:56, Text: arno raffeiner, arno raffeiner, Foto: Gerrit Hahn

Boys Noize. Hooligan-Rave

Das Keyser Soze, ein Café in Berlin-Mitte. Alex Ridha bestellt Latte Macchiato, stilles Wasser und kommt schnell auf Dinge wie seine Talkbox oder analoge Kompressoren zu sprechen. Denn was den smarten jungen Mann hinter den Projekten Kid Alex und Boys Noize am Musikmachen am meisten interessiert, ist der eher nerdige Produktionsaspekt. Feiern geht er eigentlich nur, wenn er selbst hinter den Plattenspielern steht. Angesichts der Partysaumucke von Boys Noize möchte man das kaum glauben: So brachial, Testosteron-geschwängert und schweißtreibend war elektronische Musik schon lange nicht mehr. Zumindest nicht, bis neben Alex auch Typen wie Ed Banger oder Digitalism aufgetaucht sind. Und gerade zu seinen Pariser Freunden Justice passt Boys Noize wie eine Faust in die Magengrube, nur elektrorockt Alex noch kompromissloser.

Der Titel deines Album \\\\"Oi Oi Oi\\\\" klingt wie ein Hooligan-Schlachtruf. Beziehst du dich damit auf die alten Oi-Punks und Skins?
Ich verknüpfe das mit der Art, wie ich mein Label führe und wie ich bisher Musik gemacht habe. Ich ziehe das einfach so durch, wie ich will. Es geht einerseits um diese Haltung, und auf der anderen Seite passt das auch gut zur Musik. Ich habe alle möglichen Plattendeal-Angebote abgesagt und mache alles selbst, weltweit. Das ist eben so ein bisschen diese Scheiß-drauf!-Haltung.
Warum bist du aus deiner Heimatstadt Hamburg nach Berlin gezogen? Es gibt auf der Welt ja durchaus andere Orte, wo der Boys-Noize-Sound besser hinpassen würde.
Ich bin meiner Freundin wegen hierher gezogen. Es stimmt schon, hier ist diese Szene nicht so groß. Wenn ich in Deutschland spiele, sagen mir die Leute immer wieder, dass sie solche Musik noch nie gehört haben, was mich total überrascht, denn ich erfinde das Rad ja nicht neu. Aber die finden das super und drehen total durch, als hätten sie noch nie gehört oder vergessen, dass es auch eine andere Art von Techno gibt.
Trotzdem: Wie viel Berlin steckt in deiner Musik?
Schon so 7 bis 9 %, würde ich sagen. Vor allem das Dreckige, das Harte.
Dein liebster Club in Berlin?
Ich gehe generell ungern aus und bin ungern zwischen vielen verdrogten Leuten. Das Nachtleben in Berlin interessiert mich wirklich gar nicht, und ich kenne die ganzen Clubs hier auch nicht. Ich war noch nie in der Panorama Bar oder im Weekend.
Berlin ist ...
... verdrogte Arbeitslosen-Lebenskünstler-Touristen-Afterhour-Party-City.


Wahoo. Exoten im Radio

Ein so schlichter wie großzügiger Konferenzraum im Headquarter von Four Music in Berlin-Mitte. Steffen Berkhahn alias DJ Dixon, mit seinen Innervision-Partys die House-Institution schlechthin in der Stadt, und Georg Levin, der als elektronischer Songwriter und einfühlsamer Sänger auf dem Sonar Kollektiv zu hören war, machen sich Gedanken über ihren Status als relative Exoten im Berliner Clubland. Wer weiß, vielleicht ändert sich dieser Status gerade durch das Debütalbum ihres Projekts Wahoo, und zwar nicht nur in der Hauptstadt, denn Angst vor einem möglichen Mainstream-Erfolg ist bestimmt die letzte Sorge der beiden. Im Gegenteil: Mit unverschämtem Popfaktor, Schunkel-Soul und Party-HipHouse wird direkt in Richtung Radioplay gezielt. Aller Vielfältigkeit zum Trotz lässt sich das Wahoo-Album dennoch leicht auf einen Nenner bringen: Ohrwurm.

Georg, du hast lange in London gelebt. Warum bist du nach Berlin gekommen?

G: Weil ich das Gefühl hatte, hier etwas bewegen zu können. Man ist Teil einer Generation, die eine Stadt mitformt. Berlin ist eine besondere Stadt, die es so eigentlich gar nicht geben dürfte, die aber wegen geschichtlicher und wirtschaftlicher Konstellationen eben so ist, wie sie ist: ein angenehmer Moloch.
Wie viel Berlin steckt in eurer Musik?
G: Beim ersten Hinhören wahrscheinlich nicht besonders viel, da sind wir schon eher die Exoten. Wir machen die Musik, die wir hier vermissen.
D: Wir lassen bei dem Projekt außen vor, dass ich Dixon bin, der House macht, und dass Georg mal ein langsames Soul-Album gemacht hat. Bei Wahoo machen wir völlig frei von jeglicher Vergangenheit das, worauf wir Lust haben. Das ist ein Punkt, den wir uns hier in Berlin eben leisten können. Man riskiert Sachen, die man in anderen Städten nicht machen würde.
Wie findet ihr das Nachtleben hier? Was sind eure Lieblingsclubs?
D: Ich bin nicht mit aller Musik einverstanden, aber ich finde, es ist das progressivste Nachtleben der Welt, weil es in den Händen von Musikenthusiasten ist und nicht von Business-Typen. Meine Lieblingsclubs sind das Weekend und die Panorama Bar, weil sie zwei gegensätzliche Seiten widerspiegeln.
Was hasst oder vermisst ihr an Berlin?
D: Eigentlich vermisse ich hier nichts, einen großen Flughafen höchstens.
G: Das Meer!
Berlin ist ...
D: ... Future-Dance-City. Was heute hier die Clubs dominiert, findet man ein Jahr später überall.

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aus Intro #153 (September 2007)
 
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