M.I.A.

Fremd in der Fremde

24.08.2007, 13:00, Text: Heiko Behr, Foto: Heiko Behr

Als die kleine Maya mit ihrer Mutter aus Sri Lanka floh, sehnte sie sich nach nichts mehr als einem sicheren Zuhause. Doch auch in der neuen Wahlheimat London fühlte sie sich nicht willkommen. Nach ihrem besonders in den USA erfolgreichen Debüt \"Arular\" konzentrierte sie nicht zuletzt deshalb ihre Hoffnungen auf New York - ob es hingehauen hat oder nicht, das sagt uns nun Heiko Behr.

\"Wer ist eigentlich M.I.A.?\" stöhnt der bullige Stiernacken und inhaliert einen tiefen Schluck seines Plastikbiers. \"Europäischer HipHop, oder so\", antwortet ihm gähnend der Crewcut und rückt seine verspiegelte Ray-Ban-Sonnenbrille zurecht. Danach einigen sie sich auf ein klares \"Whatever\" und beginnen eine tief greifende Diskussion über den Vorteil vom Bongrauchen gegenüber dem Komasaufen.
Wir befinden uns in Chicago. Genauer gesagt auf dem Gelände des Lollapalooza-Festivals. Mit derlei Reaktionen muss Maya Arulpragasam, die hier heute am späten Nachmittag einen Auftritt ihrer aktuellen Amerikatour durchziehen muss, in diesem Kontext leider rechnen. Hier wartet niemand auf den progressiven Hype aus UK, der sein zweites, so viel sei gleich mal gesagt: großartiges Album, \"Kala\" betitelt, promoten will - hier wird stattdessen gerade Ben Harper gottgleich abgefeiert.


Die 30-Jährige müht sich später auf der fußballfeldgroßen Bühne dennoch ab, stürmt zwischendurch ins Publikum, animiert zum Mitsingen. Kurzum: Sie gibt alles. Und auch ihre Begleit-Tänzerin schwitzt nicht von irgendwoher; lediglich der DJ schaut etwas verloren ins Rund - und erntet indirekt für seine fehlende Professionalität Kritik von der Chefin: \"Manchmal wünsch ich mir in solchen Situationen dann doch eine Band\", gibt eine verkaterte und trotzdem (oder gerade deswegen) grinsende Maya am nächsten Tag beim Interview im Hard Rock Cafe zu Protokoll. Überhaupt hat sie ausgeprägte Lust zu reden. Also hören wir doch einfach mal zu:

Ist es nicht schon ein Erfolg, dass du überhaupt in den USA auftrittst momentan? Ich hörte, du hättest Visum-Probleme gehabt.
Puh. Ich weiß gar nicht, ob ich darüber reden darf. Mein aktuelles Visum ist nämlich nur auf ein Jahr beschränkt. Also, wenn ich hier Scheiße erzähle, können sie mir das Visum auch schnell wieder wegnehmen. Ich denke mal, das ist ein Mittel, um Leute unter Kontrolle zu halten.
Empfindest du das jetzt als ständige Bedrohung?

Eigentlich nicht. Trotzdem bin ich bei dieser Sache sehr vorsichtig. Und es bestärkt mich noch: Im Grunde muss man in den USA leben, um hier auch Kritik üben zu können. Wenn man das von außerhalb tut, nimmt das niemand wahr. Das hat hier überhaupt keine Relevanz. Ich teste also gerade noch, wie weit Freedom of Speech hier überhaupt reicht ...
Glaubst du, deine Texte haben mit deinen Problemen zu tun gehabt? Du hast ja ziemlich radikal von Selbstmordattentätern erzählt, hast die PLO als Referenz gedroppt ...
Ich hoffe nicht. Aber sie haben mich gebeten, ihnen einige Presse-Artikel zuzuschicken, so wollten sie sich über mich informieren. Eine ziemlich faule Art für eine staatliche Organisation. Und das kam dann bei ihnen so an: \"M.I.A.! Tochter eines militanten Terroristen! Kommt in die USA!\" Tja, und schon war ich auf der Watchlist.

1 | 2 | 3 | ... weiterlesen »



Artikel kommentieren
aus Intro #153 (September 2007)
 
  • Mehr Infos

  •  
M.I.A.
Alle Artikel von Heiko Behr
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.