Okkervil River

Traurig ist vorbei

15.08.2007, 15:52, Text: Martin Büsser, Foto: Jonathan Forsythe

Aufgewachsen in einem kleinen Nest im Bundesstaat New Hampshire, hat Will Sheff eine ähnliche Entwicklung hinter sich wie Conor Oberst. Einerseits ganz im Trend, allerdings auch fast schon zum Klischee geworden, galten Okkervil River lange Zeit als Inbegriff des melancholischen Indie-Folk. Das Image des lebensmüden, verzärtelten Indie-Boys begann Will ebenso zu nerven wie Conor Oberst. Für die Arbeit am neuen Album zog er nach New York und kehrt nun mit einer opulent arrangierten Platte zurück, die alle Stimmungs-Register zieht und Americana wie ein großes Medley klingen lässt.
\"Ich glaube, dass die Umstände, unter denen du deine Stücke schreibst, einen großen Einfluss auf die Musik haben\", erzählt er.

\"Die Songs zu ›Black Sheep Boy‹ habe ich in einem stickigen Haus auf dem Land geschrieben, während draußen Schnee lag. Die Stücke für das neue Album entstanden in einem hellen Apartment in Brooklyn, ich war gut gelaunt, bin viel ausgegangen. Deshalb ist ›The Stage Names‹ unsere bislang fröhlichste Platte geworden. Sie spiegelt auch am ehesten meine Person wider, denn eigentlich bin ich ein sehr optimistischer Mensch.\"
Auch an die Jugendjahre auf dem Land hat Will nur gute Erinnerungen: \"Ich lese gerade die Briefe von Van Gogh, aus denen hervorgeht, wie er aus der Isolation heraus einen eigenen Stil ausgebildet hat. Dann kam er nach Paris und sah zum ersten Mal die Bilder der Impressionisten. Das hat sich dann mit seinem Stil vermischt und wiederum etwas total Eigenes ergeben. So ähnlich sehe ich auch meine Entwicklung. Anfangs habe ich ganz aus mir selbst heraus geschöpft, bis mich auch andere Musiker beeinflusst haben. Dieser Weg ist wahrscheinlich besser, als wenn du von Anfang an in einer vorgefertigten Welt aufwächst und gar nicht die Möglichkeit hast, etwas Eigenes auszubilden.\"
Will arbeitet auch als Musik- und Filmkritiker, kennt also ebenfalls die andere Seite, die über Musik reflektiert und sich darüber bewusst ist, dass das Künstlergenie ein Mythos ist. Der Text zum ersten Song der neuen Platte, \"Our Life Is Not A Movie Or Maybe\", ist im Stil einer Filmkritik verfasst. Möglicherweise hat Wills intensive Beschäftigung mit dem Kino dazu beigetragen, dass \"The Stage Names\" geradezu melodramatische Züge trägt. \"Ich glaube nicht, dass sich Film und Musik eins zu eins aufeinander übertragen lassen. Aber filmische Vorlieben schlagen sich bestimmt auch in der Musik nieder. Ich bin ein großer Fan von Stummfilmen, vor allem von Murnau. Wenn man sich seine Filme heute ansieht, haben sie etwas total Irreales, entführen einen in magische Traumwelten. Obwohl das damals wahrscheinlich gar nicht so intendiert war. Mit diesem Effekt spielt auch Guy Maddin, einer meiner Lieblingsregisseure. Er dreht heute noch in dieser Stummfilm-Ästhetik und arbeitet das Surreale heraus, das den damaligen Regisseuren noch gar nicht bewusst war. Ich wollte Guy Maddin schon immer dazu gewinnen, ein Video für uns zu drehen. Ich habe mich allerdings noch nicht getraut, ihn zu fragen.\"

Wir verlosen 3 CDs 'The Stage Names' von Okkervil River. Schickt einfach eine E-Mail mit Eurer Adresse an verlosung@intro.de.



Artikel kommentieren
aus Intro #153 (September 2007)
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.