
Unterwegs mit
Happy Mondays
17.07.2007, 09:00, Text:
Martin Riemann
[3 Kommentare]
Allein ihr Name wirft die Party-Sirenen der 90er wieder an. Die Happy Mondays waren die schillerndsten Vertreter des Madchester-Sounds. Sie brachten Hedonismus und Tanzwütigkeit in die steife Indieszene, machten MDMA zur Modedroge und lieferten damit den eigentlichen Motor der Rave-Bewegung. Alben wie \"Bummed\" und \"Pills'n'Thrills And Bellyaches\" enthielten Hymnen, die sich für immer in die Hirnrinde der Clubkids einbrannten.
Dann der Split-up. Shaun Ryder verließ bei einer wichtigen Besprechung mit seiner Londoner Plattenfirma einfach den Raum, um sich etwas Heroin zu besorgen - und kehrte nicht mehr zurück.
Und jetzt: das erste Album seit 14 Jahren! Bei dem stark an Irrsinn grenzenden Eigensinn der Bandmitglieder ist es ohnehin ein Wunder, dass es dieses Flaggschiff des ungesunden Lebensstils länger als ein Wochenende gab. In dem Film \"24 Hour Party People\" sieht man, wie die Band das gesamte Budget für ihr neues Album auf den Bahamas für Crack verpulvert und wie Shaun Ryder mit vorgehaltener Schusswaffe von Factory-Records-Gründer Tony Wilson ein Lösegeld für unbrauchbare Aufnahmebänder verlangt. Die Rezeption der Mondays schwankt dementsprechend zwischen drogenverschlingenden Genies und gemeingefährlichen Hools.
Warten und nervöses Warten in Stockport
Ich hoffe stark auf Ersteres, als ich am 31. Mai in Stockton, einem Vorort von Manchester, ankomme. Ein junger Punk und eine ca. 40-jährige großbusige Zwergin, die Händchen haltend durch die Fußgängerzone flanieren, sind das einzig Romantische, was ich hier entdecken kann. Eine tolle Stadt, die ich am liebsten mit quietschenden Reifen wieder verlassen würde - aber hier beginnt meine 2-tägige Tour mit diesen Leuten. Und zwar im Stockport Inn, einem großem Steakhaus mit Zimmern. Typen mit Starallüren würden hier nicht mal zum Pinkeln absteigen. Ich bin mit Tourmanager Gus in der \"Lobby\" verabredet, einer simplen Holztheke, die von einem Getränkeautomaten flankiert wird. Dort kauft ein glatzköpfiger, ca. 25-jähriger Mann Coladosen. Als ich nach Gus frage, bittet er mich freundlich zu sich: \"Gus ist im Bus. Ich bin Kav.\" Im Bus angekommen, drückt mir der grauhaarige Tourmanager gleich ein Bier in die Hand, dann werden mir die Gitarristen Kav Sandhu und Jonny Dunn, der Bassist Mickey Westermann, Sängerin Julie und Chris vom Merchandising vorgestellt. Aus dem Schlafabteil stößt auch noch Schlagzeuger Gaz Wheelan zu uns. \"Willst du sofort mit dem Interview anfangen?\" fragt Gus. Als ich antworte, dass ich mir eigentlich lieber vorher das Konzert anschauen würde, empfiehlt er mir, bloß auf den Konzertbesuch zu verzichten: \"Es ist sowieso Müll. Also bleib besser im Bus und denk dir was Schönes aus.\"
Eigentlich sollten wir schon längst \"on the road\" sein, aber Shaun Ryder fehlt und ist nirgends aufzufinden. Ein Hauptbestandteil des Tourens setzt sich aus zwei Dingen zusammen: Warten und nervösem Warten. Momentan ist letzteres Level angesagt. 100 Minuten, fünf Biere und ca. 80 mitgehörte Telefonate später fällt mir eine Gestalt auf, die ziellos auf dem Parkplatz herumschlendert. Sie trägt ein schneeweißes T-Shirt, eine schneeweiße Adidas-Basecap, schneeweiße Sneaker und eine schwarze Jeans. Kurz darauf betritt eine zierliche blonde Frau mit kurzem Jeans-Rock, knappem Oberteil und einer goldenen Bomberjacke den Bus. Es ist Judy, die ihren Freund Shaun per Handy bittet, doch endlich auch in den Bus zu kommen. Es ist der Typ mit der schneeweißen Basecap. Der ist mächtig sauer und erklärt Judy in seinem Manchester-Singsang, was er von einem Schwesternpaar hält, das den beiden bekannt ist. Soweit ich das Gespräch mitverfolgen kann, wirft er den Frauen Geldgier und ein übertriebenes Interesse an männlichen Geschlechtsteilen vor. Seine Bewegungen erinnern mich dabei entfernt an Dennis Hopper. Nach einem kurzen, freundlichen Gruß in die Runde will Shaun zielgerichtet wissen, ob irgendjemand \"Skins\" habe. Da er dabei mit einem großen Beutel Grass wedelt, schätze ich, dass er Blättchen meint, und gebe ihm meine.
Wenn man in der englischen Presse liest, dass Ryder nur noch Guinness und Marihuana zu sich nimmt, klingt das stets so, als würde Bud Spencer nur noch Körner essen. Und tatsächlich wäre es bei seiner Vergangenheit erstaunlich, wenn er diese \"Diät\" einhalten würde. Wie ich höre, lebt er jetzt zurückgezogen auf dem Land. Mit Bez als Nachbarn! Und einem Satz neuer Zähne. Er gibt mir die Blättchen zurück und sagt etwas zu mir. Ich verstehe kein Wort. Nach dem dritten Nachfragen spricht er in Zeitlupe: \"Du siehst aus wie Ian Curtis. Von Joy Division.\" Ungeachtet dieses absurden Vergleichs stelle ich schockiert fest, wie schwierig es ist, mit Ryder zu reden - sein Dialekt ist zu dick für mich. Glücklicherweise kommt Kav zu uns und erinnert die Band daran, dass sie noch T-Shirts mit Autogrammen versehen müssten, da sich für das Konzert in Preston eine Gruppe Autisten angekündigt habe. Später erzählt Kav mir, wie er Shaun vor einigen Jahren kennengelernt hat: \"Ich bin DJ und habe einen Club in London. Dort hat auch Shaun regelmäßig Platten aufgelegt. Vor ca. vier Jahren hatten wir die Idee, ein Festival für unbekannte Bands zu veranstalten. Wir wollten aber einen großen Namen im Billing haben, also kam Shaun auf die Idee, die Happy Mondays dort auftreten zu lassen. Obwohl er mich noch nie einen Ton hatte spielen hören, ernannte er mich zum Gitarristen. Mickey und Jonny gehörten damals auch schon zu unserem Freundeskreis. Seitdem sind wir eine Band. Zum ersten Konzert kamen dann gleich 25.000 Leute.\"
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wert2001 17.07.2007 | 11:26:06
Fantastisch, die müssen wieder nach Deutschland, aber so wie sich das anhört, schaffen die es nie mehr hierüber.
Peter Flore 17.07.2007 | 11:51:13
Köstlich
Also, Kollege Riemann war letztens noch ganz beeindruckt von der Kondition. Die schaffen das bestimmt. Nur um Bayern sollten sie besser mal einen Bogen machen.
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