Caribou

Der Eskapismus eines Mathematikers

25.07.2007, 12:00, Text: Till Stoppenhagen, Foto: Lars Kiss

Große Brille, schmale Schultern, schüchternes Lächeln: Auf den ersten Blick gibt Dan Snaith das perfekte Klischee eines kopfgesteuerten Akademikers ab. Eines Menschen, den man eher mit Hobbys wie Datenbank-Programmierung in Verbindung bringen würde als mit Musik. Und wenn, dann mit eher hochkomplexen Geräusch-Konstrukten an der Grenze des Erträglichen. Doch der 28-jährige Doktor der Mathematik ist verantwortlich für eins der schwelgerisch-schönsten, eingängigsten und charmantesten Krautpop-Alben dieses Jahres: \"Andorra\", veröffentlicht unter seinem Künstlernamen Caribou: verschwenderisch arrangierte, nie zu bombastische, nie zu glatt-gefällige Trips durch ein seltsames Universum aus Shoegazer-Gitarren, Flöten, Glocken, Minimal-Beats, Clinic-Harmonien, Can-Rhythmen und sonniger 60s-Psychedelik. Ein Ort, an dem die Welt noch in Ordnung ist.


\"Musik ist eine Art Eskapismus für mich\", überlegt Snaith und lächelt, als wolle er sich für etwas entschuldigen. \"In meinem Alltag gibt es keine großen Gefühlsschwankungen, es bleibt meist auf einem Level. Doch wenn ich Musik mache, kann ich Emotionen erleben, die es für mich sonst nicht geben würde. Dann tauche ich vollkommen ab.\"

Fast alles hat Snaith in seiner Londoner Wohnung selbst eingespielt und am Laptop in nächtelangen Sessions zu Ergebnissen zwischen Song und Track zusammengeschichtet. Wenn man ihn lässt, macht er nichts anderes. Zumindest so lange, bis ihn seine Frau aus der selbst gewählten Isolation herausholt: \"Ich glaube, ich bin teils ein Workaholic, teils so etwas wie hyperaktiv\", überlegt er laut. \"Ich brauche nicht viel Schlaf, komme manchmal mit drei Stunden pro Nacht aus, aber ich werde nervös - wirklich nervös -, wenn ich länger als ein paar Stunden nichts zu tun habe. Während der Tour zum ›The Milk Of Human Kindness‹-Album vor zwei Jahren habe ich nebenbei meine Doktorarbeit geschrieben. Es war anstrengend, aber tausendmal besser als abzuhängen.\"

Mehr als 600 Songs hatte Snaith auf der Festplatte, als er mit \"Andorra\" anfing. \"Meine Arbeitsweise ist eher spontan und spielerisch\", erklärt er. \"So wie Mathematik eher ein kreatives Spiel mit Ideen als das Lösen irgendwelcher Gleichungen ist. Ich füge die einzelnen Teile nach dem Trial-and-Error-Prinzip zusammen und höre, ob es passt, ob es sich gut anfühlt.\"
Arbeitswut und Spieltrieb, Emotion und Verstand, Laptop-Eigenbrötlerei und Touren mit Live-Band: Es ist die Spannung zwischen solchen Polen, die Snaith antreibt. Und diese hat eine der großartigsten Platten dieses Jahres hervorgebracht.



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aus Intro #152 (August 2007)
 
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