
Kommando Sonne-Nmilch
Wir lieben unsere doofen Augen
18.07.2007, 15:00, Text:
linus volkmann, Foto: Rainer Holz
[8 Kommentare]
In Künstler, die außerhalb der Bühne beharrlich zu ihrem Werk sowie zu sich und Gott und der Welt schweigen, geheimnist man sich ja die tollsten Dinge hinein. Und natürlich formiert sich ein Bedürfnis, den Schweigsamen sprechen zu hören. Oder wie Rachut es nachher genervt ausdrücken wird: \\\\\"Wenn du dich rar machst, biste wie ein seltenes Tier. Wenn ich zu jeder Platte mein Maul aufgerissen hätte, würd das keinen interessieren. Komm, ist doch so!\\\\\"
Mmh, die Überzeugung, es bei Interviewwünschen lediglich mit der von ihm skizzierten profanen Unlauterbarkeit zu tun zu haben, wird die Sache wohl nicht gerade einfacher machen. Aber dennoch besteht beim Interviewer, dem die exklusive Ehre zuteil wird, sich eine Audienz mit La Rachut erjammert zu haben, die Hoffnung, dass aus diesem Punkkoloss der Dringlichkeit nun doch all die Hintergründe, Intentionen, Geschichten nur so fließen werden - dass er sich viehisch öffnet, dass die harte Schale bricht, dass aus einem Stein eine Blume wächst - wie im Märchen. Ich werde so glücklich sein, beschließe ich.
Doch die blumigen Metaphern kann ich mir gleich an den Hut stecken. Die harte Schale dagegen bekomme ich immerhin in diesem schwäbischen Lokal hier auf St. Pauli wieder und wieder gegen den Kopf geknallt. Scheiße, aber toll. Denn der Working-Class-Helmut-Berger des Punk hat nicht mit meinem begeisterungsfähigen Masochismus gerechnet, mit einer schon katholischen Demut vor dem strafenden Herrn. Jens straft stellvertretend das ganze sündige Babylon Popjournalismus hier am Tisch. Ich bin demnach Super-Hiob, der Empfänger und Träger der schlechten Nachricht. Die ist geprägt von Einsilbigkeit, starkem Unwillen gegen den ganzen Scheiß hier und ironischem Schulterklopfen auf Anstandsdame Thorsten Seif, der ihm das Gespräch abgerungen hat - und bei dem Jens nun wohl einiges gut hat.
Ich bin allerdings trotzdem sehr glücklich. Wie geplant. Hey, da sitzt Jens von (aktuell) Kommando Sonne-Nmilch, isst Leber wie Hannibal Lector, trinkt Obstler und hält sich anekdotenmäßig bedeckt. Aber wenn der Chef halt selbst kein Freund davon ist, seine Historie episch darzulegen, dann mach ich das eben. Kein Thema, bin ja Fan.
Und das schon seit den späten 80ern, seit der Split-LP von Angeschissen und Das Moor. Dass dieser One-Off aus einer ohnehin sehr Deutschpunk-Classic-Zeit die Substanz, ja, Essenz von wirklich erschütterndem Punk besitzen sollte, wurde aber erst in den 90ern wirklich deutlich. Abseits von allen medial verfolgten Bands und Trends etablierte Sänger und Songschreiber Jens Rachut seinen expressionistischen Casual-Text-Style nicht in der schicken, sondern in einer tatsächlich unkommerziellen Gegenkultur. Mit Texten über bügelnde Killer, den Koch der Estonia, Krebs im V-Mann, scheußliche Liebe u. v. a. Daraus ergab sich eine Kontinuität in sinnstiftender Brüchigkeit. Und so hangelte man sich als Fan angstvoll von Blumen Am Arsch Der Hölle (von denen die Titelzeile hier stammt) zu Dackelblut zu Oma Hans und ganz akut zu Kommando Sonne-Nmilch. Stets getrieben von der Sorge, diesmal sei der Abschied von dem seltenen, ja, einmaligen Tier wirklich gekommen. Schließlich ist Jens nicht Howard Carpendale, der jahrelang über das Etikett Abschiedstournee die Ränge auffüllte. Im Gegenteil. Jens ist die Katharsis von eitler Popkultur, in der jeder Künstler eine gut angekommene Platte als Aufforderung missversteht, nun seine Band ewig weitertreiben zu dürfen, ja, zu müssen. Aber ist diese Abschiedskultur wirklich die Lösung? Beziehungsweise: Jensen, warum tust du uns das an? \\\\\"'ne Band hat doch nur zwei gute Alben, früher waren's vielleicht drei. Aber dann ist's langweilig. Will doch keiner mehr hören! Kennst du eine Band, die mehr als zwei gute Platten hat? Ich nicht! Du musst doch immer wieder mit anderen Leuten zusammenspielen, sonst bringt das doch alles nix!\\\\\"
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Daniel Decker 25.07.2007 | 09:41:31
Tatsächlich ein Interview und so wenig O-Töne. Wird wohl nicht mehr rauszuholen gewesen sein, aber wahrscheinlich wäre richtig geil eine einfache Abschrift des Gesprächs. Stell ich mir ganz lustig vor. Würde allerdings die Leser zu sehr vor den Kopf stoßen.
gratisbeilage 25.07.2007 | 10:23:15
broker than thou
ja, das wär echt voll future und so. das würden die meisten noch nicht verstehen.
linus volkmann 05.09.2007 | 17:53:01
während du schliefst
so, jetzt hat jensen ja das ganze skript abgenickt.
in einer langen version gibts das gespräch unter http://jungle-world.com/seiten/2007/35/10522.php
bzw. hier der directors cut zu dem artikel. alles nur weil daniel so gestichelt hat. und hier nur mal reingepostet, damit ich es los bin.
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Der Mann, der die Luft anschreit
Eindrucksvoller Rest-Punk in aller und letzter Konsequenz.
Alle lieben JENS RACHUT. Das beruht aber nicht gerade auf Gegenseitigkeit. Interviews gibt der 53jährige eigentlich nicht. Willkommen zu einer Ausnahme. von Linus Volkmann
Die Erwartungshaltung ist zwangsläufig immens, wenn jemand mit derartiger Interviewabstinenz, dann doch mal hinabsteigt und sich der ihm verhassten Frage-Antwort-Situation stellt. Beim gleichermaßen talk-aversiven Max Goldt hatte sich (Jungle World #7/2004) das lange Warten dereinst tatsächlich gelohnt. Geschliffen und geistbesessen nutzte Goldt die Chance, sich ins richtige Licht zu rücken. Bei Rachut, so wird man allseitig gewarnt, müssen derartige Erwartungen runtergedimmt werden. Denn Rachut gibt, selbst wenn er Interviews gibt, eigentlich keine Interviews. Und so verhält es sich dann auch. Schnell wird deutlich, dass für Rachut Verweigerung nicht nur als Pose sondern als reguläre Ansage existiert.
Zuletzt war er wieder für eine Kamerun-Inszenierung an der Volksbühne in Berlin, gerade erschien die neue, Tobias-Levin-produzierte CD „Jamaica“ (Buback) der Oma-Hans-Nachfolgeband Kommando Sonne-Nmilch und eben leitete er noch die vielzüngige Aufnahme zu seinem a-chronologischen Hörspiel „Der Seuchenprinz“ (Nobistor), das in drei Teilen rückwärts erzählt wird. Dieser Ausschnitt stellt dabei nur einen kleinen Teil seines gesamten Outputs dar. Zu dem sich mehr Fragen angehäuft haben, als eine epische Promo-Reise klären könnte. Ein Grund mehr, in diesem kleinen Fenster den Interview-Ekel des Gegenübers bis zur Selbstaufgabe zu überspielen und „einfach machen“. Ein Prinzip, das der Protagonist selbst als eine seiner Maximen benennen wird.
Rachut wirkt dabei – bedeckt von einigen markigen nicht aufeinander abgestimmten Seemann-Tattos und einem leuchtenden Sonnebrand von einem Norwegenurlaub in seiner Hütte – ein bisschen wie eine Mischung aus Woycek und Hans Moser. Er isst Leber – vergleiche Hannibal Lector – sowie Salz direkt aus dem Streuer.
Mittlerweile fungiert er bereits mehreren Generationen als Alterspräsident des zurechnungsfähigen Hamburg Punk. Wobei seine Figur szenenübergreifend Respekt generiert. Und nicht nur diesen üblich dahingesagten, weil einer mal eine halbwegs okaye Platte gemacht oder versehentlich ein fast gutes Statement abgeliefert hat. Nein, Jens Rachut ist der Prototyp des Typen, der über alle Zweifel erhaben scheint. Warum das so ist? Liegt sicher auch ganz wertneutral an der Ehrfurcht vor so viel Nachhaltigkeit. Rachuts frühste Band Angeschissen stach, ohne dass die Klientel der Stunde es wirklich bemerkte, weit heraus - und so ging sie letztlich in der slime’schen Anti-Imp-Herrlichkeit aufgrund der interessanteren Texte eher unter. So war das damals. Erst in der Punksinnkrise der 90er schuf sich Rachuts Kunst einen eigenen Ort. Mit wechselnden MusikerInnen betrieb er die Bands Blumen Am Arsch der Hölle, Dackelblut, Oma Hans bis hin zum Hier und Jetzt, in dem eben nur noch Kommando Sonne-Nmilch übrig ist. Ein schon schmerzhaft interessant- wie uneitles Lebenswerk – und das in einem eigentlich drögen Genre. Aber bei Rachut schwang es sich noch mal zu echten Leistungen auf - wie sein Beitrag zu jeglicher Heimatdebatte in dem Song „Edwin van der Saar“. Mit den Zeilen: „Eine Naturkatastrophe nur für Deutschland / wie die Mauer oder so / oder Null Acht gegen Holland / oder eine Sprengung zu ’ner Insel ohne Bier.“ (in: Dackelblut „Fluten und Tauchen“)
In der interessierten Punk’n’Poppresse tauchte er zuletzt dann auch ohne Interview auf. Denn alle stürzten sich auf den Quote „Landungsbrücken sprengen / Depressive Anekdoten / Die keinem etwas helfen / Außer Geld“ (aus dem Oma-Hans-Album „Peggy“). Wie schon einst Slime oder den Sex Pistols gab er in diesem Fall Kettcar einen mit. Dabei wollte er das nicht als persönlichen Band-Diss rausgeben, sondern als universellen Kommentar auf die Kooperationsseligkeit des eigenen Milieus. Kettcar fühlten sich dennoch konkret angesprochen und antworteten in dem Non-Album-Track „Wieso eigentlich Indie-Charts, Digger?“ und ein Hauch von HipHop-Battle wehte durch den epischen Konsens der Musikschaffenden. Und Rachut fühlte sich bei all dem Sturm im Wasserglas nicht gerade gut wiedergegeben.
„Das wurde völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Das war nicht direkt gegen Kettcar, die waren nur als Beispiel da drinnen. Es war bloß die Frage, warum diese ganzen Bands jetzt so komisch werden. Können doch einfach mal sagen, wir haben jetzt alle Kinder zu versorgen und unterschreiben was. Fertig aus und versuchen Werbung für uns zu machen. Das ist doch Klartext, oder nicht? Wenn das einer so sagt. Stattdessen wird – auch bei Bands wie Turbostaat und Muff Potter - immer stundenlang rumdiskutiert... Mann, was wäre denn schlimm daran zu sagen, ‚wir wollen den Vorschuss und ausprobieren, was da ist - und fertig’?
Ich hatte mit beiden Bands zuletzt ein Interview machen können. Und im Endeffekt haben sie genau das gesagt.
Ach, und warum war das dann trotzdem so lang?
Wir haben ja noch über anderes gesprochen. Ist doch schön, wenn geredet wird, Jensen!
Na, wenn du meinst.
Und wie ist dein Verhältnis jetzt zu Grand Hotel Van Cleef?
Ich habe [Marcus] Wiebusch danach noch mal getroffen. Von mir aus steht da nix zwischen.
Du stellst mit deiner Art ja einfach einen Konsens in Frage, also dass auch Punk-Bands, sobald das Interesse an ihnen wächst, sich sehr wohl in die Zusammenhänge begeben können und wollen, gegen die sie offiziell vielleicht mal angetreten sind. Da wird dann gern von allen so eine Zwangsläufigkeit in der Entwicklung beschworen. Und die stellst du mit deiner Art ein Stück weit in Frage.
Ach, aber ich hol mir mein Geld doch auch irgendwoher, ganz trist aus Staatsbetrieben wie dem Theater oder früher als Booker der Fabrik - ist doch nicht so, dass ich in einer Höhle wohne und noch meine gemütliche Feuerstelle habe. Ist doch kein Unterschied, ob du beim Major bist oder beim Schauspielhaus Zürich. Ist ja auch ein Major in gewissem Sinne. Nur dass ich nie wirtschaftlich auf die Musik angewiesen war, hat die Haltung erleichtert.
Worauf man in Gesprächen über dich ja immer wieder kommt, ist das Thema Konsequenz. Die noch lang durchgezogene Verweigerung gegenüber der CD, Promo, Ruhm, langlebigen Bandgefügen, dem ganzen Kleinen-Bandglück-Kram. Hat da Konsequenz nicht schon was Schmerzhaftes?
Ach komm, „Tod der CD“... da sieht man ja, wie weit ich mit der Angeberei gekommen bin. Zuletzt kam alles auch auf CD. Und der Rest: Du machst ‚ne Platte, Mühe geben, zusehen, dass das Label die Kosten reinkriegt und alles weitere ist Luxus. Und Touren machste, weil Du halt unterwegs sein willst. Klar freust du dich, wenn da viele Leute kommen oder du viele Platten loswirst. Aber dafür würde ich jetzt nicht auf diesen Gaul springen und alle Magazine abklappern. Das ist so trist und langweilig. Da gehste doch ein.
Und die Abschiedskultur deiner Bands? Man bekommt den Eindruck, du schaffst dir Bands als Nebenprojekte, um dich von der Verdichtung der Hauptband zu erholen, dann löst du die Hauptband auf und plötzlich muss das ehemalige Spaßding den ganzen Druck aushalten. Das war nach dem Ende von Dackelblut für Oma Hans so und ist bei der neuen Platte mit Kommando Sonne-Nmilch sehr deutlich. Die ersten beiden Alben produzierten mit wechselnder Besetzung eher so jam- bzw. theatermäßige Songs. Nach der Abschiedstour mit Oma Hans ist die neue Sonne-Nmilch-Platte plötzlich wahnsinnig konzentriert.
Das ist kein Konzept, das hat ja’n Grund. Die Platte ist Punk geworden, weil die Yvon Jansen, die Sängerin, nicht konnte und wir hatten keinen Organisten. Da haben wir geübt und geübt, aber es ist einfach nix anderes rausgekommen. Wir waren uns bei der Produktion auch nicht so einig über das alles. Also ich wollte es eigentlich nicht, ich finde, zehn Punk-Platten sind genug. Oder eher drei zuviel. Das ist doch ganz normal, ich hätte eher Bock gehabt, irgendeinen anderen Quatsch zu machen – kann ja trotzdem hart sein. Also ist es jetzt reiner Zufall, dass die so klingt.
Also ist das so, dass man fürchten muss, dass Kommando Sonne-Nmilch von dir eher früher als später wieder dran gegeben wird, weil dich deine Hauptbands schneller langweilen?
Ach, keine Ahnung, weiß man nicht. Aber ich hab auf jeden Fall keinen Bock, jetzt noch mal so’ne Punkplatte zu machen. Ich bin einfach auch nicht gern in Studios. Immer da drin hocken und überlegen, das ist doch erbärmlich. Aus diesen Dreckskisten will ich immer nur raus!
Editiert von
linus volkmann am 05.09.2007 17:55:39
linus volkmann 05.09.2007 | 18:00:48
während du schliefst
...weiter...
Wenn dich Punk bei dir selbst schon nicht mehr so anmacht, hörst du denn überhaupt aktuelle Musik gern?
Ja, was denn? Die „Mush“ von Leatherface, da geht doch immer noch nix drüber oder über die Wipers. Aber trotzdem bin ich immer interessiert, wenn mir jemand mal was vorspielt, was ich mir mal anhören soll. Ich bin jetzt auch nicht verbittert oder so. Aber meistens gefällt es mir halt trotzdem nicht. Mit Frankie [Stubbs - von Leatherface, der auch die Alben „Schützen und Fördern“ und „Fluten und Tauchen“ von Dackelblut produzierte] habe ich übrigens immer noch mal Kontakt. Der hat mal als Tontechniker im Wembley-Stadion gearbeitet und dort beim Aufbau der Anlage original Dackelblut zur Probe laufen lassen. Aus 3000 Lautsprechern. Da hat ihn sein Chef angerufen, und verlangt: „Stop this!“
Dieses kompromisslose Punkding ist ja auch Stoff deiner Legende. Wenn man das noch mal in den Kontext setzt, wie viele andere Bands in weit jüngeren Jahren beim Sound einlenken und die physische Dringlichkeit gegen Abgeklärtheit tauschen. Bei dir hört man da überhaupt kein Abrücken. Wirst du nicht dieses Jahr 50?
Du fängst dir gleich eine. Außerdem bin ich 53. Und wenn du auf meine Gebrechlichkeit raus willst: Es ist immer anstrengend, was zu stemmen, du musst Termine machen, dich mit Leuten treffen, alles unter einen Hut kriegen – das ist ja nicht altersbedingt. Altersbedingt ist, dass du nicht mehr so viel trinken kannst, früher ins Bett musst, nicht mehr Zigarettenrauchen kannst, du brauchst ‚ne Brille zum Lesen, die du nie dabei hast.
Funktioniert der Antrieb für das Touren tatsächlich immer noch über Bock? Wenn man nur im deutschsprachigen unterwegs ist, wiederholt sich alles doch sehr irgendwann.
Touren hat ja ohnehin viel mit Wiederholungen zu tun. Mir reichts, wenn nach einer Kackstadt immer auch mal wieder eine gute kommt. Das muss dir dann auch reichen, sonst bist du zu anspruchsvoll fürs Tourleben. Ach, manchmal gehen wir auch schwimmen, wenn wir unterwegs sind. Außerdem willst du Leute in ganz Deutschland treffen, die du kennst und natürlich auch gute Clubs unterstützen – paar gibt’s ja noch.
In der Clubszene spiegelt sich ja auch der Regress wider, dass höchstens noch Durchhalte-Parolen für Gegenkultur zu holen sind und nicht mehr wirkliche Utopien – wie in Autonomen Läden vor vielleicht noch zehn, zwanzig Jahren.
Ach, den pädagogischen Wunderheiler für Clubs kann ich da nicht geben. Ich glaub, die Leute, die die machen, sind genauso müde geworden wie die Bands, die da auftreten. Muss ja so sein! Ich meine, welche Band ist da noch so, dass du denkst ‚wow’? Es gibt einfach nix.
In dieser Situation wird eben in dich sehr viel reingelegt. Weil du noch so glaubwürdig solche Punk-Utopien verkörperst.
Also da kann ich nur sagen, dass ich mich anders sehe. Mit diesem Status kann ich auch nichts anfangen. Ich möchte meinen ganzen Quatsch loswerden und weg sein, bevor es stinkt oder man verrückt wird. Und dann schreibe ich lieber eine Platte oder ein Hörspiel.
Also so aktiv wie die Goldenen Zitronen das restlinke Erbe von Sub- und Punkkultur interpretieren, wäre das gar nichts für dich?
Ich kriege das über Schorsch ja immer so mit, weil wir zusammen Theater spielen. Aber mir wäre das zu ernst, was die machen. Ich verstehe diesen Politunterricht nicht – also ich empfinde den so.
Mit dem Edutainment-Charakter musst du dich aber doch gerade bei Schorschs Bühnenstücken besonders auseinandersetzen.
Das ist wie bei einer Band, manchmal ist es gut, weil ja auch die Stücke gut sind, manchmal ist es auch mühselig. Aber so was wie „Metropolis“ in Zürich, das war richtig der Hammer. Da war auch nicht so viel mit Schilder hochhalten - weiß doch eh jeder, dass wir in der linken Schublade stecken. Das war in dem Fall halt einfach Stummfilmtheater, fand ich klasse.
Hattest du am Anfang Hemmungen, ohne Ausbildung auf die Theaterbühne zu müssen? Oder funktionierte das als punkgetragene Selbstermächtigung?
Ach, man ist ja nur Darsteller. Ich bin auf die Bühne gegangen, hab’s einfach gemacht. Und da sind ja nicht nur Diven um einen rum, sondern Leute, die wirklich was drauf haben und mir bringt es was, mich da auszuprobieren oder auch nur irgendwie abzugehen. Es geht auch nicht darum, in eine Rolle zu schlüpfen. Das will Schorsch auch nicht, deshalb hat er auch nur normale Typen da engagiert.
linus volkmann 05.09.2007 | 18:01:31
während du schliefst
...und jetzt aber...
Du schreibst doch auch selbst neben den Songtexten und Hörspielen Bühnenstücke?
Ich habe mal eine Sache gemacht. Aber nur was Kurzes.
Und das hieß?
Sag ich dir nicht. War nicht so gut.
Wurde aber aufgeführt?
Ja, dreimal. In Berlin.
Aber wäre also auch Theater als Autor eine Perspektive für dich?
Ja, klar. Ausprobieren! Mann, ich will jetzt nicht mit 56 noch in irgendwelchen Jugendzentren singen und den Leuten meine Geschichten erzählen, habe ich keine Lust zu. Und ich glaub, die wollen es auch gar nicht hören.
Auch wenn das sicher nicht stimmt, wird man zumindest fairerweise von dir auf den Abschied seit Jahren vorbereitet.
Mann, jetzt hör doch endlich mal damit auf! Wir sind doch keine Millionenband, wir verkaufen nicht gerade viele Platten, wenn wir nach Köln kommen, sind da vielleicht 250 Leute, in der Provinz noch weniger. Das ist doch nicht viel in einem Land mit 80 Millionen Einwohnern.
Damit kann man sich ja alles klein rechnen. In diesem Ex-Punk-Kosmos bist du aber eben eine Instanz. Ich kenne ehrlich gesagt niemanden, der dich nicht kennt. Na gut, vielleicht meine Eltern...
Gib mir mal die Nummer von denen.
Verfolgst du aktuell in der Linken die Diskussionen um Anti-deutsch und Anti-Imp?
Nee, krieg ich nicht mit. Wieso sollte ich?
Ist doch dein Milieu.
Was ist denn mein Milieu? Die letzten vier Monate war die Volksbühne in Berlin mein Milieu. Mit der Band will ich nur wissen, dass wir bei guten Leuten auftreten, dass die okay sind. Wir sind keine ultralinke kommunistische Band, oder so was. Das haben wir nie behauptet.
Wenn habt ihr euch ja auch immer eher negativ auf so was wie „Szene“ bezogen. Es gibt auf der neuen Platte den Shanty „Stand der Dinge“ [am Ende mit den Zeilen „Sind kaum da. Schlecht gelaunt. Kleine Bande unbenannt/ Und wir scheißen auf die Szene. Und wir scheißen auf den Stand der Dinge/ Was mal wird, was mal war, das war nie unser Ziel/ Und so donnern wir durch den Arsch der Zeit - das bedeutet uns ganz schön viel“] oder auf der „Fluten und Tauchen“ der Song „Stille Post“, der sich in den 90ern gegen Schauprozesse gegen Bands oder Personen innerhalb der Autonomen Szene richtete.
Die Abgrenzung war mir konkret da auch immer wichtiger als das Dazugehören. Ich hänge auch nicht im Pudel ab, mich interessiert das nicht. Ich bin ja öfter in Norwegen und wenn ich da in diese eine kleine Stadt fahre, dann ist da so eine Bank und da hängen ein paar Rentner rum - der jüngste ist 60, der älteste 90. Der 90-jährige sitzt im Rollstuhl, raucht noch, hat ein winziges Gesicht und eine riesige Tolle vorne. Und die hocken da immer zu acht, neunt da rum; ich habe Bilder von denen gemacht, da könnte ich drei Cover mit machen. Und so was interessiert mich 1000mal mehr, als in den Kneipen rum zu stehen und über die Szene zu labern oder überhaupt irgendeine Szene zu sein. Aber ist doch klar. Mit 53, ich bitte dich!
Siehst du dein eigenes Werk selbst so unsentimental?
Letztens haben wir beim Grillen den Song „Fick Dich Industrie“ von der Blumen gehört. Und ich dachte, das ist ja immer noch so. Das bin ja ich, der da schreit. Vor 15 Jahren. Und auch wenn’s blöd klingt, aber ich kann das immer noch unterschreiben. Wie ja eigentlich alle, keiner will den Mist. Wir hängen uns da rein wie in einen Sessellift und wollen ins Gebirge kommen und halt bisschen Geld zum Leben und so bekommen. Aber wir können nicht zu Fuß über die Berge, wir müssen immer in diesen Scheiß-Sessellift. So ist das.
Wirst du nicht eigentlich latent mit dieser Punk-Erlöser-Projektion konfrontiert, wenn Leute auf Tour auf dich zukommen?
Nee, nicht so oft. Ich seh’ schon so aus, als wollte ich nicht angesprochen werden.
Kann ich ganz gut nachvollziehen, aber gerade dadurch dass du dich jetzt mal Fragen aussetzt, muss natürlich auch mal die Wahl der Bandnamen angesprochen werden. Die wirken gelinde gesagt sehr spleenig.
Also gut. Angeschissen: dürfte klar sein. Blumen am Arsch der Hölle: ist ein Gedicht von Bukowski. Dackelblut: Da hat eine Freundin bei einem Schlingensief-Theaterstück mitgemacht über den an Aids gestorbenen Neo-Nazi Michael Kühnen [„Bring mir den Kopf von Adolf Hitler“, 1994] und dabei sagte sie das Wort. Oma Hans: Das war so ein Bild von einem Soldaten, den man mit Lippenstift angemalt hatte, der war Transvestit, der hat den Soldaten Tanzen beigebracht. In Argentinien, das war ein Deutscher. Kommando Sonne-Nmilch: Na, halt so eben.
Ist ja auch ein ziemliches Erbe. Bei der nächsten Band kann man es doch eigentlich nicht mehr drunter machen.
Die nächste Band soll heißen Smith Boys And The Weppers. Das machen wir nächsten Februar, das ist eine Schrankwand, die ist auf der Bühne. Und dann sind neben mir noch zwei, die auch beim Seuchenprinz mitmachen, und wir sprechen so Texte von mir. Sind überall Mikrofone, alle extrem empfindlich, es wird alles nur gesprochen, aber sehr laut gesprochen. Die sprechende Schrankwand. Das ist so die Idee bis jetzt.
Deine Platten stechen optisch immer sehr raus. Zuletzt die migrantische Clique auf dem Wende-Cover von Oma Hans’ „Peggy“, die so vom Hyperrealismus an den Film „Kroko“ [von Sylke Enders] erinnerte oder auch das aktuelle mit den Fuchsfellen an der Wäscheleine, die so drapiert wirken wie Würstchen beim Wurstschnappen.
Da war diese Jagdzeitung in Norwegen und da war das Bild drinnen und dann setzt du dem Jäger noch einen Fuchskopf auf und fertig. Und dann hockst du davor und fragst dich, was kann man noch machen? Na, hau mal das Wort „Jamaica“ in Rastafarben drüber. Ist doch nix.
Reverend 05.09.2007 | 18:01:57
war immer aufrichtig
Sehr schönes Interview.
gesichtsporsche 05.09.2007 | 21:22:45
it´s o.k. to henning around
endlich mal was vernünftiges."du fängst dir gleich eine."
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