Unterwegs mit

Polarkreis 18

16.07.2007, 06:00, Text: Dana Bönisch, Foto: Dana Bönisch

Übersetzung von Sex, Drugs & Rock'n'Roll in die Realität des Tourlebens: suchen, warten und Pizza essen. Dazwischen sorgen versteckte Regieassistenten für die guten, die großen Momente. 72 Stunden war Intro mit Polarkreis 18 im Nightliner unterwegs: Paris, Brighton, Köln-Ehrenfeld. Die Frisur sitzt kein bisschen. Meine Mutter ruft an und warnt mich, sie hat nämlich \"Almost Famous\" gesehen: den Film mit dem Bus, der Band, dem unerfahrenen Musikjournalisten und den Drogen. Als ich sie darauf hinweise, dass die Rockklischees von damals nicht unbedingt auf heute übertragbar sind, es bei Polarkreis 18 auch meiner Einschätzung nach keine Doherty'esken Ausfälle gibt, sagt sie sehr nah am Telefon: \"Wenn sie keine Drogen nehmen, dann ... dann trinken sie eben ganz viel BIER.\" Und das kann ich jetzt nicht mehr entkräften.


17.05. Paris und das Fleisch der Henne
Ach, Paris. Die Stadt der Unisex-Toiletten, der freundlichen Taxifahrer - der neuen Neuen Deutschen Welle. Die touristischen Aktivitäten der Dresdner Reisegruppe im Zeitraffer: Zehn Minuten Père Lachaise (der Friedhof voller Musiker- und Dichterknochen - wir wurden, da biertrinkend unterwegs, von einem kleinen Auto zum Ausgang verfolgt, und das, noch bevor wir Oscar Wilde gefunden hatten), etwa 45 Minuten Eiffelturm bei Nacht, davon 20 Minuten \"Wetten, dass ...?\"-Transport zu siebt in einem winzigen Auto.

Der Club namens Flèche d'Or (\"Goldfleisch\", mutmaßt man), in dem Polarkreis 18 heute spielen, war einmal eine Bahnhofswartehalle, an deren Wänden sich jetzt allerlei rostiger Deko-Schnickschnack befindet. Noch früh genug werden wir herausfinden, dass die Inneneinrichtung hier nicht die einzige Achtziger-Reminiszenz bleiben wird. Wir bekommen - für die, die es interessiert - kein Klopapier, aber Catering parisien: top Zitronenhühnchen mit jungen Erbsen, dazu Rotwein. Letzterer ist genau die richtige Voraussetzung, um sich mit Quatschfranzösisch auf den Auftritt vorzubereiten. Und als es schließlich so weit ist, bestaune ich eine merkwürdige Metamorphose: Die Dosenbier- und Rotweinjungs von gerade eben betreten ganz in Weiß die Bühne und legen eine elegante, extrem souveräne Show hin. Großes Orchester ohne großes Orchester. Den Parisern gefällt es offensichtlich, sie stoßen die ganze Zeit entzückende \"Wouu\"-Rufe aus. Am Ende, nach einem Gitarrengewitterabgang - der übereifrige Lichttechniker lässt die Moulin-Rouge-Birnen flirren -, setzt sich Felix alleine ans Klavier. Dabei lerne ich: Gänsehaut heißt \"chair de poule\" - Fleisch der Henne. Hübsch. \"Flèche d'Or\" wiederum bedeutet nicht wie angenommen \"Goldfleisch\", sondern \"güldener Pfeil\". Im Laufe des Abends befällt uns der Verdacht, dass Polarkreis 18 womöglich auch deshalb eingeladen worden sind, weil ihr Name hier einen schicken Beiklang hat: Der kleine DJ verausgabt sich zu \"Isch möschte ain Eisbär sein\" und \"Fred vom Jüpiter\".

Vor der Tür, als unser Busfahrer bereits den Motor angeworfen hat, werden immer noch seltsame Statisten durchs Bild geschickt, kleine Paris-Kurzfilme für sich: Ein Herr mit rotem Dichterschal und einem Maupassant-Buch unter dem Arm etwa klopft Bernd enthusiastisch auf die Schulter, zeigt auf Maupassant, zeigt auf Bernd, redet in einem Wahnsinnstempo Französisch und verabschiedet sich schließlich mit einem zackigen \"Alles klar, err Kommissar\". Die Bustüren schließen sich mit einem Zischen. Bester Platz: Doppeldecker, oben, erste Reihe, in den Straßen von Paris. Später erhärtet sich der Verdacht, in einem Film zu leben: Elf Männer, ein Bus - keiner schnarcht. Oder vielleicht schlafe ich selbst einfach nur zu tief? Die Expertenmeinung dazu: \"Das kommt, weil die Kojen und die Fahrbewegungen deinen Körper an Kinderwagenzeiten erinnern.\" Filmhaft auch die verschiedenen Charaktere innerhalb der Band: Einer liest permanent Hesse, ein anderer hat sich \"Jarhead\" auf DVD mitgebracht. Ich schließe alle gleichermaßen ins Herz und habe das Gefühl, nach 24 Stunden bereits leicht zu sächseln. Mimese nennt man das.

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aus Intro #152 (August 2007)
 
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