
Françoise trifft Theodor W.
Adorno Total
18.06.2007, 06:00, Text:
Intro
Françoise Cactus: Guten Tag, Herr Adorno. Ich gehe davon aus, dass die Leser dieser Zeitschrift mit der \\\"Kritischen Theorie\\\" und der \\\"Negativen Dialektik\\\" nicht so vertraut sind. Deswegen stelle ich sie kurz mit einigen Schlagworten vor, die natürlich grob vereinfacht und aus dem Zusammenhang gerissen sind: Wir leben in einem gesamtgesellschaftlichen Verblendungszusammenhang, das Gesamte ist die Lüge. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Die Totalität der Gesellschaft lässt einen Ausweg zu, die Scheinfreiheit der Individualität. Es ist jedoch nicht möglich, den kapitalistischen Verwertungszusammenhang, der auf Ausbeutung beruht, zu verlassen. Entsprechend Marx - für den das gesellschaftliche, ökonomische Sein das Bewusstsein bestimmt - gehen Sie davon aus, dass eine Veränderung des \\\"beschädigten Lebens\\\" nicht individuell, sondern nur durch eine Veränderung des Systems geschehen kann. Analog zu Ihrer Aussage, dass ein richtiges Bewusstsein in einer falschen Welt nicht möglich ist, stellen Sie in Ihren musiktheoretischen Schriften fest, dass auch die gesellschaftlichen Reaktionsweisen auf Musik im Bann des falschen Bewusstseins stehen. Daher meine erste Frage an Sie: Welche ist Ihre Lieblingsfarbe, welches ist Ihr Lieblingstier, was essen Sie am liebsten?
Theodor Adorno: Wie bitte?
Françoise: Na gut, das war ein Scherz. In Ihrem Buch \\\"Einleitung in die Musiksoziologie\\\" beschäftigen Sie sich mit Musikhören, Musikkonsum. Sie erstellen verschiedene Hörerprofile: den Experten-Hörer, den Bildungskonsumenten, den emotionalen Hörer, den Ressentiment-Hörer, den Jazz-Fan, den Unterhaltungshörer ... Diese Hörertypen haben ein unterschiedliches Verhältnis zur Musik. Beginnen wir mit dem Experten-Hörer ...
Adorno: Ich nenne ihn auch den bewussten Hörer, denn er ist in der Lage, jederzeit Rechenschaft über das Gehörte abzulegen und dem Verlauf auch verwickelter Musik zu folgen und sie in einen Sinnzusammenhang zu stellen. Notenlesen ist übrigens die Voraussetzung menschenwürdiger musikalischer Bildung heute.
Françoise: Es wird die Leser freuen, das zu hören. Diese Zeitung wird hauptsächlich von Konservatoriumsabsolventen, Meisterschülern und Gewinnern einschlägiger Wettbewerbe von Salzburg bis Donaueschingen gelesen.
Adorno: Verstehe.
Françoise: Im Gegensatz zum Experten steht der Bildungshörer oder Bildungskonsument, der seinen Musikgeschmack nach Prestigegewinn ausrichtet.
Adorno: Der Bildungskonsument ist gut unterrichtet, hört viel, unter Umständen unersättlich, sammelt Schallplatten und respektiert Musik als ein Kulturgut, das man um der eigenen sozialen Geltung willen kennen muss. Er konsumiert nach der öffentlichen Geltung des Konsumierten. Dieser Hörertypus spricht besonders auf messbare Leistungen an: halsbrecherische Virtuosität, Technik als Mittel zum Zweck ...
Françoise: Sie meinen: Musikkonsum zur Erhöhung des eigenen sozialen Standes; in die Oper gehen, um gesehen zu werden? Höher pupsen, als der Auspuff hängt?
Adorno: Wenn Sie das so ausdrücken wollen - ja. Dieser Hörertypus ist massenfeindlich und elitär. Musikalischen Neuerungen gegenüber ist er verschlossen, seine Ideologie ist meist reaktionär kulturkonservativ.
1 | 2 | ... weiterlesen »
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
MEIST GEKLICKT
- 01 Wes Anderson / Moonrise Kingdom...
- 02 Light Asylum - im South by Southwe...
- 03 The Hives - Größenwahn als Inszenierung
- 04 Woodkid / Yoann Lemoine - Vom Kind...
- 05 Best Coast - Coverstory
- 06 Damon Albarn - Ich habe immer das ...
- 07 Friends - Live is life
- 08 Im Koffer der... - Scissor Sisters
- 09 Auf Reisen mit... - Ladyhawke
- 10 Hot Chip - Auf dem Laufsteg
- ... mehr
INTRO-TV
- » ESC 2011: Unsere Favoriten...
- » SXSW / South By Southwest 2011...
- » In Bed With Kreator - Videobl...
- » So wars bei der Gamescom - In...




