Portugal. The Man

Waffen, Jagd und Religion

10.07.2007, 06:00, Text: Martin Büsser, Foto: Lena Böhm

Ich höre das schreckliche Wort schon durch den Blätterwald rauschen: Emo. Wenn sich Emo dadurch auszeichnet - wie an jenem Abend in Rüsselsheim geschehen -, dass minderjährige Fans auf Konzerten bergeweise T-Shirts kaufen, aber so gut wie keine CDs, dann sind Portugal.The Man eine Emo-Band. Ansonsten müssen uns stilistische Zuweisungen hier nicht weiter interessieren.
Das Interview fand am Rüsselsheimer Mainufer, der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens, statt. Störgeräusche während des Interviews wurden kenntlich gemacht.

Ist das euer erstes Konzert in Deutschland?
Zach: Nein, wir waren im letzten Herbst schon mal auf Tour, aber das war der totale Horror. Wir wussten nicht, dass Bands in Europa so lange Live-Sets spielen. In den USA geht ein Set höchstens eine halbe Stunde. Pro Abend treten vier bis fünf Bands auf, und selbst der Hauptact spielt nicht länger als maximal 40 Minuten.
John: Horror war es deswegen, weil es die Band zu diesem Zeitpunkt gerade mal ein Jahr lang gab und wir noch gar kein Material für anderthalb Stunden zusammenhatten. Wir mussten auf der Bühne improvisieren, die Stücke künstlich ausdehnen, daraus kleine Jam-Sessions machen. Aber das war extrem lehrreich. Eigentlich haben wir uns auf der Tour alles beigebracht, sind musikalisch freier geworden. Du musst dir vorstellen, dass wir uns vor der Tour auch persönlich noch gar nicht ... [WROOOOM]



Eure Platte klingt dagegen sehr ausgetüftelt, gar nicht nach Improvisation ...
J: Das täuscht. Als wir ins Studio gegangen sind, hatten wir gerade mal die Rhythmen zusammen, der Rest ist ziemlich spontan entstanden. Weil wir ständig auf Tour sind, proben wir ja nie. Okay, manchmal spielt einer im Tourbus Akustikgitarre, mehr geht aber nicht. Ich finde es allerdings auch gut, wenn ... [WROOOOM] ... hatten wir unseren Dummer noch gar nicht. Ein Song sollte beim Einspielen entstehen: Wenn du zu lange daran tüftelst, dann verkorkst du ihn nur. Das hat uns das viele Touren gelehrt: Stücke müssen sich ständig verändern, lebendig bleiben. Deswegen sind wir keine typische Studio-Band.
Tourt ihr deswegen so viel, weil sich vom reinen Plattenverkauf kein Geld verdienen lässt?
J: Definitiv! Aber auch, weil mir zu Hause die Decke auf den Kopf fällt. Sobald ich zu Hause bin, werde ich ganz kribbelig, will wieder los. Ich will etwas von der Welt sehen. Auch wenn das eine Illusion ist. Meistens siehst du von den Städten, in die du kommst, gerade mal die Straße, in der sich der Club befindet. Und vielleicht noch die Straße daneben, weil du dort was essen gehst.
Z: Das Touren hat unsere Musik total verändert. Die Band begann als reines Elektronik-Projekt, doch Schritt für Schritt kamen immer mehr Instrumente hinzu.
J: Stimmt, wir haben uns total gewandelt. Aber das geht ja vielen Musikern so, die mit reiner Elektronik begonnen haben, sie sind fast alle wieder bei Band-Musik gelandet. Wahrscheinlich deshalb, weil der Mainstream so eintönig ist und auf all diesen aalglatten elektronischen Sounds aufbaut. In der DIY-Szene, aus der wir kommen, gibt es ein Bedürfnis nach direkter, ungeschliffener Musik. Die ist mit Gitarre nun mal leichter umzusetzen als mit reiner Elektronik. Vor allem in Alaska gibt es ... [WROOOOM]
Haben Seiten wie MySpace die Musiklandschaft verändert? Du sprachst gerade vom gleichförmigen Mainstream ...
J: In den USA hat eine gute Biersorte mal eine Umfrage gestartet. Ich will den Namen der Marke nicht nennen, in Deutschland würde ich mich nur blamieren, wenn ich sage, dass das mal ein gutes Bier war. Sie haben die Leute testen lassen und gefragt, was man am Geschmack verbessern könnte. Am Ende ist ein total fades, wässriges Bier entstanden, das es allen recht macht, indem es nach nichts mehr schmeckt. Und so ist das auch mit der Musik im Radio. Deshalb findest du gute Musik nur noch auf Seiten wie MySpace. Mir ist allerdings ein Rätsel, wie Bands alleine über ihren Internet-Auftritt berühmt werden können. So was hat es ja schon gegeben. Ich habe eher die Befürchtung, dass du versandest, weil es einfach zu viele gute Sachen auf MySpace gibt.

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aus Intro #151 (Juli 2007)
 
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