
Dizzee Rascal / Wiley
Zwei zum Preis von einem
11.07.2007, 12:00, Text:
Heiko Behr, Foto: Justin Winz
[2 Kommentare]
Dizzee Rascal trifft auf seinen ehemaligen Mentor Wiley. Die beiden sind seit längerem verfeindet. Im Grime-Gipfeltreffen wird Tacheles geredet, danach fallen sich beide tränenüberströmt in die Arme. So hatten wir uns das in etwa ausgemalt. Die Realität sah anders aus: Beide waren nicht zu einem gemeinsamen Interview bereit. Was uns nicht davon abhielt, sie mit den gleichen Fragen zu konfrontieren. Here we go.
Bei einer Szene wie Grime, die ja im Grunde immer noch Geheimwissen voraussetzt, gibt es sicher unterschiedliche Level. Gibt es Unterschiede, ob du von englischen, europäischen oder amerikanischen Journalisten interviewt wirst?
Dizzee Rascal: Ich bin immer wieder überrascht, wie informiert die Leute sind, vor allem Europäer. Die Szene ist ja auch sehr jung, fünf Jahre oder so. Ich gehöre zwar zur Szene, aber ich will lieber über mich als Künstler sprechen, ich bin ja nicht das Sprachrohr des Grime. Allein der Begriff kommt ja von Journalisten, einfach, um den Sound greifbar zu machen. Aber das ist in Ordnung.
Wiley: Bei Journalisten jenseits von England scheint mir mehr Interesse zu herrschen, vielleicht, weil sie nicht jeden Tag von mir hören. Ich habe ja meine Erfahrungen gemacht über die Jahre und bin vorsichtig, wenn mich jemand reinlegen will. [lacht] Ich liebe es, wenn mich jemand nicht kennt, das sind die interessantesten Fragen.
Im Grunde gab es doch vor ein paar Jahren diesen massiven Hype: Grime ist der heiße Scheiß! Den absoluten Break-through außerhalb Englands hat die Szene aber nie erlebt ...
D: Das liegt daran, dass innerhalb der Grime-Szene viele an gewissen Formeln kleben geblieben sind – ohne das Ganze weiterzuentwickeln. Ich bemühe mich auf meinem Label Dirtee Stank, die Grenzen mit neuen, hungrigen Künstlern voranzutreiben. Nur so kann der Break-through gelingen. Leider werden momentan viele Konzerte und Events verboten, so können wir natürlich nicht wachsen.
W: Es dauert eine Weile, um Dinge voranzutreiben, damit ein Genre Bestand hat und die Leute aufspringen. Viele haben zu hohe Erwartungen und machen alles nieder, bevor es eine Chance auf Wachstum hatte. HipHop brauchte ja lange, Jungle genauso. Man sollte Grime also nicht anzweifeln, sondern abwarten, es entwickelt sich ja erst alles mit neuen Künstlern, Sounds und Stimmen.
Warum ist Grime so schwierig zu vermitteln?
D: Ich glaube, für viele ist diese urbane Seite Englands ganz neu. Jeder kennt die Indie-Seite, die Mittelklasse. Besonders die Amerikaner wissen oft gar nicht, dass es überhaupt Schwarze gibt in England! Deswegen können sie sich schlecht identifizieren mit Grime. Ich seh das jetzt gar nicht als ein rassistisches Problem, in den USA ist ja afroamerikanischer HipHop lange etabliert. Aber all die Geschichten von Messerstechereien und Schießereien in der Szene helfen nicht gerade ...
W: Ich glaube eigentlich nicht, dass es schwierig zu vermitteln ist, nur weil es englisch ist. Wenn man den Slang versteht, ist es natürlich einfacher, aber das ist eben unser Akzent. Wenn du mit HipHop klarkommst, solltest du auch Grime verstehen, das ist eine Fusion von allem, mit dem wir aufgewachsen sind.
Du hast die Entwicklung quasi von Anfang an begleitet. Gab es Fehler, als es darum ging, mehr Menschen außerhalb einer überschaubaren Szene anzusprechen?
D: Es fehlt die Disziplin der Künstler, es gibt keine Struktur, die hat sich nie entwickelt. Es gab von Anfang an hauptsächlich die Promoter von Raves und die Betreiber von Pirate Station Radios. Ansonsten hat jeder einfach gemacht, was er machen wollte. Und das reicht einfach nicht, um ein Genre voranzutreiben und auch zu vermitteln. Ich versuche das zwar zu betreiben, aber es gibt Leute, die sind aus anderen Gründen in der Szene. Mit meinem Label möchte ich die Leute fördern, die sonst nur schwer einen Plattenvertrag kriegen würden, einfach, weil sie aus der Hood kommen. Worum es letztlich geht: Edgy Music! Einfach mal mit Genres rumfucken, gucken, wohin es gehen könnte.
W: Natürlich gab es Fehler, aber damit halte ich mich nicht auf. Wir kämpfen weiter darum, von allen gehört zu werden. Faulheit und zu wenig Reisen in den Anfangszeiten könnten Fehler gewesen sein.
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