Turbostaat / Muff Potter

Standing Ovations auf allen vieren

07.06.2007, 16:00, Text: linus volkmann

Wir Punks haben ja viel Fantasie – und mitunter sogar einen restakademischen Background. Mit diesen Voraussetzungen konnte man in den Neunzigern auch ganz gut die These des “Mainstreams der Minderheiten” erfassen. Die besagte, dass in Zukunft immer weniger “Wetten, dass ...?” oder Phil Collins den Common Sense bestimmen würden, sondern eher Nirvana und die Simpsons. Doch bei aller Liebe und Fantasie: Dass irgendwann mal hinten auf einer Muff Potter neben Nagel und Wiesmanns Kinderzimmer-Labelnamen Huck’s Plattenkiste das Logo von Universal prangen würde, dafür fehlte damals sicher nicht nur mir jegliche Vorstellungskraft. Und dass Turbostaat – einst noch auf der markigen Waterkant-DIY-Terrasse Schiffen – via Same Same But Different nun bei Warner gesignt wurden, ist nicht weniger bemerkenswert. Das alles ist sicher eine Form der Anerkennung für die Bands, auch für Punk als solches. Viel mehr kann man kaum dazugehören.
Nur: Wie geht man damit um? Versteht man es als Herausforderung, Gelegenheit oder nur als kontemporäre Antwort auf die Krise in etablierteren Musikgenres? Muss man sich als Punk jetzt neu erfinden, dauernd erklären, oder hat man sich vielleicht eh nie als einer betrachtet? Darüber sprechen Nagel von Muff Potter (with a little Help of his Band featuring Schlagzeuger Brami), Marten von Turbostaat und als special Guest Torsten Dohm (Beatsteaks-Manager, Betreiber des Indie-Labels X’N’O, Mitbegründer des Warner-Unterlabels Same Same But Different und Musiker bei der Berliner Band She-Male Trouble). Location ist ein netter Laden nahe Kottbusser Tor in Kreuzberg. Nagel hat schon einen sitzen, als es losgeht, kann aber noch gut argumentieren, Marten hält sich erst mal bedeckt, Torsten muss früher weg. Für die übrig Gebliebenen geht es nach der großen Runde noch sonst wohin, klar. An einen Strand, eine Dönerbude, in eine In-Kneipe – der ganze Berlin-Scheiß eben. Der gern für uns zugereiste Punks (die dabei kaum wie welche aussehen) aufgefahren wird. Muff Potter kommen übrigens aus Rheine bzw. Münster, Turbostaat aus Flensburg, Intro aus der Druckerei.


Also, es soll hier jetzt keinen Battle geben, Indie vs. Major, bei dem sich jeder nur verpflichtet fühlt zu versichern, wie glaubwürdig und arm er ist. Die Diskussion Indie vs. Major ist auf ganzer Linie spätestens, seit Die Sterne 1996 “Posen” rausbrachten, gelaufen – aber dennoch: Für Bands mit einem derart authentischen DIY-Image dürfte der Schritt zur großen Plattenfirma auch heute noch um ein Vielfaches größer sein als für den Normalo-Act. Wie lange habt ihr zu dem Thema diskutiert?
Nagel: So auf dem Papier war das natürlich schon ein Riesenschritt – also von komplett DIY zur größten Plattenfirma der Welt. Wir hatten vorher ja nicht mal ein anderes Indie- oder Punklabel. Irgendwann mussten wir aber Sachen abgeben, erst gab es einen Booker, dann kam das eigene Management dazu. Die letzte Platte, also die “Von wegen”, haben wir noch selbst finanziert, gemischt, das Artwork zusammengehauen und sind mit dem fertigen Ding dann auf Labelsuche gegangen. Demnach kann man sagen, die neue “Steady Fremdkörper” ist die erste echte für uns bei Universal. Da ist halt alles Teil einer Entwicklung. In Deutschland gibt es auch gar nicht so viel zwischen oben und unten. Klar gibt es Indie-Labels, aber letztlich doch keine so vielfältige Kultur. Und diverse der kleineren Firmen haben dann eh noch den Major-Vertriebsdeal oder sind sonst wie assoziiert. Insofern kann es mir dann auch egal sein, welche Instanz das veröffentlicht, es geht einfach um die Frage: Wo treffen wir auf die besten Bedingungen?
Torsten: Die Linie läuft nicht mehr zwischen Indie und Major, du triffst auf coole Große, und es gibt Indies, die dich abziehen wollen – im Endeffekt machen die Leute den Unterschied. Auf wen kann man sich verlassen, auf wen nicht?
Aber erfüllt sich bei größeren Läden nicht viel eher das Klischee, dass man von guten Leuten an Bord geholt wird, und ein halbes Jahr später sind die geschasst, und man muss sich mit komplett anderen auseinandersetzen?
Torsten: Tja, ich würde lügen, wenn ich sagte, ich hätte nicht schon erlebt, was du da ansprichst. Aber klar: Man kann auch zu Hause liegen und im Bett bleiben. Ich gestehe mir aber lieber zu, was zu wagen, auch auf die Gefahr hin, dabei Fehler zu machen.
Nagel: Bei uns hatte sich das letztes Jahr so rauskristallisiert, dass es drei Angebote für die “Von wegen” gab. Und die Einzigen, die uns sagten, “Hier bei der Single nehmt doch die Gitarren noch etwas zurück und baut Keyboardflächen ein, das geht doch noch bisschen stadionmäßiger”, war das Indie-Label. Wohingegen Universal völlig cool waren und uns alles abnahmen, wie wir es angelegt hatten. Uns war zudem wichtig, dass es keinen Kopierschutz gibt, und auch damit kamen wir durch. Und außerdem haben wir einen Vertrag, der uns nicht lange bindet, und wir wissen ja, wie man Platten selbst rausbringt. Somit kann uns als Band nichts passieren – auch wenn wir gedroppt würden.
Marten: Bei uns war das alles eine konstante Entwicklung. Wir wussten schon seit zwei Jahren, dass Schiffen aufgeben muss, und da war dann die Überlegung: Was außer denen gibt es eigentlich in Deutschland? Erst mal nichts, oder? Dann kamen aber immer wieder Angebote rein, als das mit Schiffen durchgesickert war. Dann waren wir auch einmal bei einer Plattenfirma, die legte uns einen Vertrag auf den Tisch, und ich habe gemerkt, dass ich bzw. wir keinen blassen Schimmer davon hatten. Null! So wandten wir uns an Torsten, den wir ja vom Beatsteaks-Management kennen, und haben gebeten, ob er für uns sondieren könne. Prämisse: Wir machen, was wir machen, keiner kann uns reinquatschen.

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aus Intro #150 (Juni 2007)
 
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