Tocotronic

Verschwör dich gegen dich – und deine Wunden öffnen sich!

23.05.2007, 10:00, Text: Sandra Grether, Kerstin Grether

Ihr neues Album heißt “Kapitulation” und klingt auch wie die luzideste Feier einer Kapitulation ever. Ein Album zum Schwachwerden übers Starkbleiben! Gleich zu Beginn reißt einen “Mein Ruin” in ein glamouröses Kapitulations-Stakkato, aus dem man nach zwölf Songs erfrischt und mit Mumm in den Beinen, seltsam gut gelaunt, wehrlos und mit heilenden Wunden wieder hervorkriecht: “Mein Ruin, das ist zunächst etwas, das gewachsen ist, wie eine Welle, die mich trägt und mich dann unter sich begräbt.” Musik und Text wie ein Wasserfall Wahrheit! Entwaffnend, gitarrenstürmend. Nichtstun und Alles-Wollen als Neuanfang. Die Schöpfung des Harmonischen im hingebungsvoll nachsichtigen Selbst. Tocotronic in der Rolle einer in Schönheit scheiternden Diva.


Konzepte sind ja gerne gesehen im Tocotronic-Universum. Aber “Kapitulation” scheint uns das vielleicht risikofreudigste und auch künstlerisch ausdifferenzierteste Toco-Konzeptalbum zu sein.
Dirk von Lowtzow: Der Konzeptkunst waren wir immer affin, schon die ersten Jahre haben wir im Prinzip nichts anderes gemacht, als uns irgendwelche schrulligen Konzepte auszudenken. Das Wort “Konzeptalbum” ist aber meiner Meinung nach in letzter Zeit etwas in Verruf geraten.
Jan Müller (Bass): Weil das so schnell etwas Beliebiges haben kann: Man sucht sich ein Thema aus und beschäftigt sich dann gezwungenermaßen damit.
Wodurch “Konzeptkunst” zu Kleinkunst oder Seminararbeit wird?
J: Ja. Aber wenn der Dirk anfängt, die Texte zu schreiben, dann handeln die schon von etwas, was ihn wirklich beschäftigt – und was uns alle beschäftigt. Das ist dann nicht nur Konzept, das hat dann auch eine Dringlichkeit.
Wir dachten bei “Konzeptalbum” jetzt vom Prinzip her eher an Lou Reed, David Bowie, Björk oder so was. Der Ruin sozusagen als etwas, das wirklich gewachsen ist. Das heißt, du hast ein Thema oder Gefühl, das dich über längere Zeit beschäftigt. Das wirkt dann wie ein Konzept, aber eigentlich hat es sich einfach so ergeben?
D: Ja, genau. Man arbeitet ja auch nicht parallel an den 12, 13 Stücken, die man da geschrieben hat, sondern baut sie aufeinander auf. Im besten Fall merkt man dann, so unbewusst, dass es Parallelen gibt: zu anderen Stücken, die man gerade schreibt. Das finden wir dann aber gerade schön. Also im besten Sinne ergeben sich unter den Stücken so Verbindungen. Oder auch zu anderen Sachen, die man kennt und die das Netzwerk der Beziehungen darstellen, die einen beeinflussen.
Du schreibst also ein, zwei Songtexte und überlegst noch gar nicht weiter und machst einfach mal?
D: Also, beim neuen Album war das ganz speziell so. Das ist aus so einer Lust am Machen entstanden, und auch aus so einer Wut, die man im Ranzen hat. [Gelächter]

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aus Intro #150 (Juni 2007)
 
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