Simian Mobile Disco

Gesund geschrumpft

28.05.2007, 09:00, Text: Thomas Venker

James Ellis Ford und James Anthony Shaw müssen glückliche Menschen sein. Sie sind dem nervigen Bandalltag mit Ego-Rempeleien und stundenlangen Autobahnfahrten entkommen und jetten heuer munter durch die Welt, immer ein paar heiße Scheiben und die eigenen Tracks im Gepäck, und nicht zuletzt den Justice-Remix von “Never Be Alone (We Are Your Friends)”, mit dem sie zu Ruhm, Bookings und MTV-Fame gekommen sind.


Letzteres über den Clip zum Remix. Dieser war für den MTV-Award in der Kategorie “Bester Videoclip” nominiert. Für unsereins ‘ne ganz große Nummer, für die beiden allerdings kein Grund, nervös zu werden – und schon gar nicht anzureisen. Und zwar nicht, weil sie den Rummel auf dem Popniveau ablehnen würden – für Gala und Glamour können sie sich durchaus erwärmen –, nein, sie reisten nicht an, weil sie es als falsch empfanden, da sie so wenig damit zu tun hatten. Ford: “Wir hätten uns billig gefühlt, da es ja der Clip zu einem Remix von uns – also zu keinem eigenen Song – war. Aber klar, es wäre toll gewesen, Timbaland zu treffen.” Dieser übergab nämlich den Award, den sie tatsächlich und zur Überraschung aller gewannen, an den Clipregisseur. Das Hauptereignis des Abends allerdings war der Auftritt von KanYe West, dem selbst ernannten HipHopper mit Botschaft (wir erinnern uns an seine Medienauftritte nach der Katastrophe in New Orleans): West hielt es für einen Skandal, dass nicht er den Preis für seinen eine Million teuren Clip bekommen hatte, sondern dieser Act, den er nicht mal buchstabieren konnte. Und so tobte er wie Rumpelstilzchen über die Bühne. Die beiden lachen, als ich sie darauf anspreche, bleiben aber dabei: Auch das habe ihnen vor dem Fernseher gereicht. Ford: “Das wär schon ein Spektakel gewesen, das vor Ort zu erleben, aber mal ehrlich, wir wären wahrscheinlich fehlplatziert rübergekommen.”

Am Anfang war: Simian

Aber rollen wir die Geschichte mal vom Anfang auf: Simian waren eine nette Indieband mit guten Electronica-gespeisten Popsongs und zwei auch in Intro wohlwollend aufgenommenen Alben. Umso erstaunlicher, als sie sich plötzlich auflösten, wirkte doch alles so, als könnten sie sich dauerhaft in den Fächern breitmachen, in denen auch die Platten von Stereolab und Broadcast liegen. Fragt man nach, verwundert es kein bisschen mehr. Ford: “Du musst wissen, dass wir Simian eigentlich nie wirklich genossen haben. Die Band kam sehr schnell zusammen und musste gleich ein Album machen. Wir kannten uns so gut wie gar nicht und sollten plötzlich eine Band sein. Wir sind weder zusammen aufgewachsen, noch haben wir Gigs in miesen Pubs gespielt. Die Beziehungen in der Band waren nicht gut, vor allem am Ende. Wir haben jetzt definitiv mehr Spaß.”
Ein Ausweg zeigte sich am Horizont auf: das DJing, das eher durch Zufall in das Leben der beiden gekommen war. Zwar waren sie schon immer die Plattenkäufer und Elektronikfans in der Band, hatten aber keinen größeren Masterplan im Kopf, als sie anfingen, vor und nach den Simian-Auftritten als Simian Mobile Disco Platten aufzulegen. Eines ihrer ersten Sets fand im Oktober 2002 bei einem Intro Intim in Köln statt und klang ungefähr so, wie man es heute noch von Erlend Øye kennt (der zufällig an jenem Abend an ihrer Seite auflegte): eben charmant und nach Indie. Während Øye das Ganze aber genau so bis zur “DJ-Kicks” erfolgreich weiterführte, wurden Simian Mobile Disco immer elektronischer und wilder. Heute sind ihre Sets Bastarde aus Acid und Chicago House, Detroit Techno, New Rave (damit es auch mal fällt), Minimal, Rock, Dub, Baile Funk, Reggae und ihren eigenen Produktionen. Wild und auf Spaß ausgelegt.
Mit der Zeit häuften sich dann die reinen DJ-Bookings, Remixanfragen und Mixtapewünsche, die nur noch Ford und Shaw angingen. Und als die Band sich endgültig auflöste, machten sie einfach weiter – und heulen der alten Bandkonstellation keine Träne nach. Nur das Livespielen fehlt ihnen ein wenig, aber das Wichtigste, das Produzieren, das haben sie heute ja viel intensiver, da sie eben nicht mehr auf ein Album im Jahr beschränkt sind, sondern viel mehr veröffentlichen können, seien es eigene Maxis, Remixe oder Produktionsjobs für andere.
Apropos Produktionsjobs. Fords Arbeit für die Klaxons (siehe das Interview in Intro #148) und Arctic Monkeys war zuletzt massives Thema in der Presse, vor allem der britischen – und vor allem wegen der Monkeys. Zu groß waren im UK die Ängste, dass Ford dieses Erfolgsmodell von UK-Rock verwegen in etwas Modernes umkrempeln wolle, indem er seinen Style aufoktroyiert. Das sei natürlich Blödsinn, gibt dieser zu verstehen. Aber da er Humor hat, und die Band auch, witzelten sie im Studio tatsächlich darüber, in einer halben Stunde ein dummes Electroclash-Stück zu machen und dieses auf YouTube zu stellen. Nicht nur Shaw ist der Ansicht, dass das ja wohl großartig gewesen wäre.
Auch andersherum findet laut Ford keine wirkliche Beeinflussung statt: “Wir machen Musik auf eine ganze andere Art als die Bands, die ich produziere. Meine Produktionsideen werden immer durch die räumliche Umgebung und meine Beziehung zu den Leuten geprägt. Von daher denke ich, dass ich von dem, was mir so während der Produktionszeit begegnet, nichts bei Simian Mobile Disco einbringen könnte. Es ist wie eine Kaugummiblase, in der man für drei Monate ist. Schon seltsam, man verbringt für eine gewisse Zeit zwölf Stunden am Tag mit diesen Leuten, und dann ist es wieder vorbei, kommt das nächste Projekt.”

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aus Intro #150 (Juni 2007)
 
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