Rufus Wainwright

Komm zurück, zur Prasssucht des Ausdrucks

11.06.2007, 06:00, Text: Jens Friebe

Rufus Wainwrights Geniestatus ist in der jüngeren Popgeschichte beispiellos. Leute wie Nelly Furtado, Neil Hannon und Elton John gestehen das mit einer Neidlosigkeit ein, die stutzig macht, während Breitenwirkung und Superstardom sich noch etwas bitten lassen. Hängt eins mit dem anderen zusammen? Und könnte sich beides schon mit \"Release The Stars” ändern?


“Der ursprüngliche Plan war, ein sehr schlichtes Album zu machen, ohne großen Produktionsaufwand”, sagt Wainwright, den eine strassverzierte Designersonnenbrille vor dem Licht auf der Terrasse des Radisson Hotels schützt. “Deshalb wollte ich Teile der Platte hier in Berlin aufnehmen, ich wollte mich von der Roughness und der Strenge dieser Stadt inspirieren lassen. Aber daraus wurde irgendwie nichts. Mit meinem Freund, der bis vor Kurzem noch hier lebte und an der Staatsoper arbeitete, ging ich viel auf Konzerte, und wir sahen uns Sanssouci an. Eine Welle deutscher Romantik brach über mich herein, ich kaufte mir sogar eine bayrische Lederhose.” Darüber, statt einstürzender Neubauten renovierte Schlösser gefunden zu haben, lacht Wainwright, ohne zu lächeln, so wie man es von kunstszenigen Tunten aus Filmen kennt. Abgesehen davon ist er aber viel zu wenig kühl, um wirklich blasiert zu wirken. Er hört teilnahmsvoll zu und redet bewegt, vor allem, wenn es um klassische Musik geht: “Zu ignorieren, was in den letzten paar hundert Jahren an großartigem Zeug komponiert wurde, ist das Dümmste, was ein Songwriter machen kann. Schaden kann es dir ja auf keinen Fall. Ob du was benutzen willst oder nicht, ist deine Sache – take it or leave it.”

Ich bin da leider nicht so sicher. Abschreckende Beispiele gibt es schließlich genug, und zwar gerade unter den Allergrößten. Paul McCartney etwa mit seinen schrecklichen Suiten oder Elvis Costello, der sich an einer Ballettmusik für den Sommernachtstraum verhob. Sie hätten besser die Finger von dem Zeug gelassen. Und genau sie bilden mit vielen anderen grandios Gescheiterten die dunkle Schar, aus der Rufus Wainwright so hell als der Erste hervorstrahlt, der es wirklich geschafft hat, klassische Kompositionstechniken für die Popmusik nutzbar und sich selbst dabei nicht lächerlich zu machen. In Artikeln zu früheren Platten ging es meist um das Ravel-Zitat in “Oh What A World”, und es ist ja auch unglaublich, dass jemand aus diesem restlos zerfledderten Kadaver von “Bolero” tatsächlich noch was rausbekommt. Wirklich interessant wird es aber bei einem Stück wie “11/11” (ebenfalls von der “Want One”), dem man wegen seines konventionellen Arrangements erst nach mehrfachem Hören anmerkt, dass es kein ganz normales Popstück ist, sondern ein raffiniert durchkomponiertes Kunstlied. Wiederkehrende Versatzstücke wechseln mit nur einmal auftauchenden Passagen, die ihrerseits durch kleine harmonische oder melodische Motive miteinander kommunizieren. “Es ist ja nicht nötig, Sonaten nachzuahmen”, führt Wainwright meinen Gedanken zu “11/11” ins Allgemeine fort, “aber zumindest an der Unbedingtheit des Kunstwillens sollte man sich orientieren, an der Intensität – an Beethovens ›Es muss sein‹ (im Original Deutsch).”

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aus Intro #150 (Juni 2007)
 
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