Justice

Die in der Disco Haargitarre spielen

24.05.2007, 20:00, Text: arno raffeiner

Mit gerade mal zwei oder drei eigenen Stücken in den globalen DJ-Jetset und den Remix-Himmel durchstarten, so sieht das neue Pogo-Party-Erfolgsmodell aus. Zwei Jungs aus Hamburg haben es vorgemacht, zwei Styler-Boys aus Paris folgen nun auf dem Fuße. Um ihre eben erst verliehene Neon-Daft-Punk-Krone müssen Digitalism auf jeden Fall ganz schön zittern. Justice sind da!


DJ Hell dreht durch. Was da an unglaublichem Karacho aus dem Soundsystem dröhnt, hat er vorher noch nie gehört – und das passiert ihm ausgerechnet auf seiner eigenen Party. “Ja, Rage Against The Machines ›Killing In The Name Of‹ funktioniert fast immer”, erzählt Xavier de Rosnay in einem Pariser Eckcafé mit verschmitztem Lächeln. “Ich erinnere mich an eines der ersten Male, als wir den Song aufgelegt haben. Das war in Deutschland, an einem Abend mit Hell in München. Wir haben das Stück gespielt, und alle haben geheadbangt. Hell ist sofort angekommen und hat dabei Luftgitarre gespielt, was für ihn ehrlich gesagt recht ungewöhnlich ist. Er meinte so: ›Ey, what’s that shit? This rocks!‹ Und wir: ›Was, du kennst RATM nicht?!‹ Echt crazy ...”

Es passt, dass Xavier das Wort Luftgitarre in seinem charmanten Frankoenglisch ausspricht wie “hair guitar”. Denn neben Rap-Rock-Gebolze spielt bei Justice der Einfluss von Hair Metal die entschieden größere Rolle – mal abgesehen von tausendundeins weiteren Knall-Pop-Referenzen. Xavier und sein Kumpel Gaspard Augé, die zwei Jungs von Justice, sehen beim Treffen auch aus wie ein Zwischending aus Student, Popstar und unter den Rasenmäher gekommener Guns-N’-Roses-Fan. Und im Grunde sind sie auch genau das. Knapp sitzende Lederjacken, seltsame Gürtel und sorgsam gehegte Unfrisuren auf dem Kopf bzw. im Gesicht sorgen bei den zwei Mittzwanzigern aus Paris auf jeden Fall für vieldeutige Style-Signale.

Den Popstar-Part in dieser Mischung verdanken sie einem “Cheese-Dinnör” vor drei Jahren oder genauer gesagt: der Abneigung von Pedro Winters Frau gegen Käsegestank. Denn der Boss von Ed Banger Records und Daft-Punk-Manager (a.k.a. Busy P.) ist verrückt nach Raclette, aber er darf zu Hause nicht. Gaspard erinnert sich: “Ich war mit So Me, dem Grafiker von Ed Banger, durch die Kunsthochschule befreundet und habe ihn für ein Raclette-Essen zu mir eingeladen. Pedro, den wir zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht kannten, hat das mitgekriegt und wollte unbedingt auch kommen. Seine Frau will nämlich nicht, dass er bei sich zu Hause was Stinkiges isst, also hat er So Me so lange bekniet, bis der ihn zu unserem Raclette-Dinner mitnahm. Xavier und ich waren etwas schüchtern wegen Pedros Vergangenheit, und wir hatten auch nur zwei Tracks. Die haben wir ihm dann aber in meinem Schlafzimmer vorgespielt. Er war so enthusiastisch, dass wir zwei Wochen später darüber gesprochen haben, die Sachen zu veröffentlichen.”

Das entscheidende der beiden Stücke war eine neue Version von Simians Hit “Never Be Alone”. Bei Justice hieß das Stück “We Are Your Friends” und war derart gelungen für jede Elektropogoparty auffrisiert, dass DJ Hell es sofort für sein Label Gigolo lizenzierte und das bis dahin völlig unbekannte Duo aus dem Stand 50.000 Platten verkaufte. Lustiges Detail am Rande: Die Justice-Version war für einen Remixwettbewerb entstanden, “den wir verloren haben”, wie Gaspard typisch lapidar hinterherschiebt. Aber zwei Partynasen wie Busy P. und Hell fanden an diesem Rock-Elektro-Bastard keinen Weg vorbei. Das stank nicht etwa nach verbranntem Käse, das roch nach Sensation. Die beiden sollten natürlich recht behalten.

Achtung: Das Release-Datum hat sich verschoben! '†' wird erst am 20.Juli erscheinen!


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aus Intro #150 (Juni 2007)
 
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