Hot Chip

Pop ist ein Ringkampf

21.05.2007, 06:00, Text: arno raffeiner

Hot Chip sei Dank. Seit fünf Jungs aus London mit dem Sexappeal von HTML-Programmierern die Popwelt total umkrempeln, darf man auch als aboluter Nerd der Star auf dem Dancefloor sein. Hot Chip selbst erobern nun, trotz Panorama-Bar-Fiasko und Krankenkassengestellen auf der Nase, auch noch das DJ-Pult für alle Traumtänzer in einem Musikkosmos ohne Grenzen.


Eine Viertelstunde Stillstand im Pop-Party-Promo-Marathon. Gerade mal 15 Minuten werden Joe Goddard in seiner einzigen Pause während eines vollgepackten Interviewtages zugestanden. Es ist eine heiße Phase für Hot Chip. Ihr erster auf CD gepresster DJ-Mix will beworben werden, das nächste Album befindet sich bereits mitten in der Produktion, am nächsten Tag geht es los auf US-Tour. Um alles rechtzeitig erledigen zu können, ist Joe alleine für Interviews ins !K7-Büro nach Berlin gekommen, während seine Bandkollegen Felix Martin in Paris und Alexis Taylor zu Hause in London ein ähnliches Programm absolvieren. Bewaffnet mit Sandwich, Joghurt und Apfel, steht Joe nach der kurzen Pause auch schon wieder auf der Matte: ohne Krankenkassengestell, ein wenig rundlich, wenn auch nicht wirklich vollschlank, dafür mit offensichtlich erst vor Kurzem gezüchteten Vollbart. Mehr als seinen Apfel wird der Hauptproduzent von Hot Chip bis zum Ende unseres Gesprächs allerdings nicht verdrücken können, denn er muss ja dauernd erzählen.
Zum Beispiel von seinem DJ-Gig in der Panorama Bar Anfang 2006. Der darf inzwischen als legendärer und einsamer Höhepunkt in der Geschichte des Berliner Minimal-Techno-Tempels gelten, nämlich, was das musikalische Aneinander-vorbei-Kommunizieren von DJ und Feiermeute betrifft. Joe erzählt allerdings ganz gerne davon, schließlich hat er sich prächtig unterhalten: “Ich wusste nicht, dass die Leute da eigentlich nur Minimal Techno spielen, und habe eine sehr eklektische Auswahl von Platten mitgenommen, ganz so, wie ich es normalerweise in London machen würde. Ich war um sieben Uhr früh dran, die Nacht zuvor hatten wir durchgemacht, ich war schon wieder etwas zu betrunken, zu high und generell ein bisschen neben der Spur. Ich habe Jungle und R’n’B und so Sachen gespielt, also total unpassende Musik für die Panorama Bar. Ich hatte wirklich viel Spaß dabei, aber ich glaube, die Leute fanden es eher nicht so toll. Am Sonntag um sieben Uhr früh wollten die natürlich alle unbedingt guten Minimal-Sound – aber sie haben ihn nicht bekommen, hahaha! Später hab ich dann irgendwo in einem Internet-Forum gelesen, wie jemand diesen Auftritt als die größte Enttäuschung 2006 beschrieb ...”
Wenn einem der Vater fast noch in Kindertagen Velvet-Underground-Platten besorgt, Oldschool-HipHop an ersten selbst gebastelten Beats schuld ist, Photek und der frühe Aphex Twin danach für die Elektronik-Erweckung zuständig sind und einem noch etwas später Daft Punk und die Basement Jaxx mit ihrem grellen Popappeal House beibringen, dann braucht man sich über die schillernden Musikvorlieben von Joe Goddard eigentlich nicht zu wundern. Und in Hot Chips Musik sind genau diese unterschiedlichen Poperzählungen eingeschrieben.

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aus Intro #150 (Juni 2007)
 
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