Bonde Do Role / CSS

Kein Bossa, kein Samba

21.05.2007, 06:00, Text: Sonja Eismann

In Brasilien tut sich was. Lange verbuchte man den ökonomischen Motor Südamerikas auf der Popkultur-Landkarte irgendwo weit außen bei Bossa Nova und der einen oder anderen Metal- oder Punkband. Die Brasilophilie überließ man lieber den Ethnoklischee-verliebten Samba- und Carnaval-Fans.
Doch spätestens, seit sich Daniel Haaksman 2004 mit seiner Compilation “Rio Baile Funk” um die Bekanntmachung der brasilianischen Version von Miami Bass verdient gemacht hat, die mit geilen Tracks letztlich doch wieder nur die voyeuristische Sehnsucht nach Favela-Stereotypen mitbediente, ist man auch in den bornierten Hipster-Burgen der sogenannten ersten Welt hellhörig geworden. Designer wie Alexandre Herchcovitch oder (Street-) Artists wie Os Gêmeos werden schon länger in den westlichen Lifestyle-Organen durchgebusselt, aber auch musikalisch sickert langsam die Erkenntnis durch: Es gibt ein Brasilien abseits von Bossa, Samba und Fußballchören. Die zwei markantesten Aushängeschilder dieser hippen neuen Community: Cansei De Ser Sexy (CSS) und Bonde Do Role.



Bonde Do Role. Party im Rio

Die zwei Jungs und das eine Mädchen von Bonde sind das erste lateinamerikanische Projekt, das von Domino gesignt wurde, nachdem Diplo auf sie aufmerksam geworden war und sie auf sein “Dritte-Welt-Label” (wie die Band es unverblümt nennt) Mad Decent einlud. Auf den ersten Blick passen sie hervorragend in eine leicht upgedatete Version des Bilds vom “exotischen” Party-Act: Über blecherne 80s-Cheapo-Sounds singen und rappen sie auf Portugiesisch über Abfeiern und Sex – Baile Funk in neu. Ihr Auftritt im Berliner – kein Witz – Rio im März, das trotz der Unbekanntheit der Band schweißtreibend voll war, wurde allen Erwartungen an die Partykompetenzen der Band gerecht: MC Marina performte eine Art Punkrock-Aerobic und stopfte sich dabei abwechselnd Mikro und Bandaufkleber in Mund und Hose, MC Pedro zappelte wie irre, und DJ Gorky, im Interview noch trotz erhöhter Körperfülle mit entzückend unerwarteter Falsett-Stimme, grunzte wie ein ausgehungerter Eber.
Doch im Gespräch stellt sich schnell raus, dass die drei superfreundlichen Kumpels von der Baile-Ghetto-Realität in Rio so weit entfernt sind wie der Tempelhofer Abi-Rapper von den Drive-by-Shootings in South Central. “Wir kommen aus Curitiba, einer langweiligen Stadt im reichen Süden, die von vielen Nachfahren deutscher Einwanderer bewohnt wird. Wenn man nicht selbst Party macht, ist hier nicht viel los. Wir haben uns während des Studiums beim Ausgehen und DJen kennengelernt. Anfangs wollten wir gar nicht Baile-Funk produzieren, sondern eine Retrorockband gründen”, erzählt die quirlige Marina. Der Spaßfaktor erklärt auch den brasilianischen Slang-Namen der Band, den der des Euro-Portugiesischen kundige Intro-Praktikant beim besten Willen nicht übersetzen konnte. “Bonde bedeutet so viel wie Gang, Bande, und Role war ein billiger Imbiss, wo wir rumhingen”, erläutert Marina den vergnüglichen Unsinn. DJ Gorky ist der Einzige der Band, der mit seiner Herkunft aus Rio so etwas wie herkömmliche Street-Cred verbuchen kann, und er ist auch derjenige, der sich am meisten mit der Geschichte von Baile Funk (der ja ursprünglich ausschließlich in Rio zu Hause war) befasst hat. “Das Problem ist, dass schon seit 20 Jahren immer dieselben Samples verwendet wurden. Wir haben jetzt mit unserer Liebe zu cheesy Hardrock aus den 80er-Jahren, aber auch zu solchen Acts wie Daft Punk und 2manydj’s das Genre noch mal erneuert.”

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aus Intro #150 (Juni 2007)
 
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